18.02.2026

Die Zeit der Gnade

Predigt von Pfr. Dr. Robert Nandkisore an Aschermittwoch 2026 (Lesejahr A)

Liebe Schwestern und Brüder,

Fastenzeit – worum geht es da? Von Paulus hörten wir eben: „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung“ (2 Kor, 6,2). Nehmen wir es so, wie es da steht: genau darum geht es!

Das heutige Evangelium stammt mitten aus der Bergpredigt, dem „Grundsatzprogramm“ Jesu. Sich für die Fastenzeit als Lektüre nichts anderes als diese Worte vorzunehmen, wäre lohnend! Jesus beginnt Sein öffentliches Auftreten mit: „Kehrt um – denkt um – Metanoia!“ Darum geht es in der Fastenzeit: um ein Umdenken. Um das Lernen, so zu denken wie Jesus.

In der frühen Kirche wurden die Taufbewerber mehrere Jahre auf die Taufe, die sie in der Osternacht empfingen, vorbereitet. Da ging – da geht! – es nicht in erster Linie um ein Wissen. Da ging – und geht – es um das Erlernen einer Lebenshaltung. Ein neuer Lebensstil sollte eingeübt werden – und dieser Stil orientiert sich an Christus. Klar, denn wir heißen ja „Christen“!

In der Regel wurden wir als Kinder, als Säuglinge getauft – im guten Glauben unserer Eltern. Das führte aber dazu, dass wir uns oft gar nicht ausdrücklich für den Glauben entschieden haben. Wir sind da hineingewachsen, haben uns mehr, mal weniger dafür interessiert: Wir empfinden diese Gottesdienste als schön, andere als langweilig, nehmen diese oder jene kirchliche Position ein, verstehen uns als modern oder konservativ … Aber eine eindeutige Entscheidung, die eine Schwelle markiert, ein Vorher und ein Nachher, das ereignet sich nicht oft.

Fastenzeit – worum geht es da? Wir können diese Zeit tatsächlich als eine solche neue Entscheidungszeit verstehen, uns fragen und hoffentlich auch dazu ermutigen, die Lebenshaltung Christi einzunehmen.

Dabei geht es nicht einfach nur darum, Christus nachzuahmen. Sondern viel tiefer: Wirklich ICH zu werden, die Person, als die ich von Gott erdacht und erschaffen worden bin!

Direkt vor unserem heutigen Evangelium steht der Satz: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48) und er schließt das Wort Jesu über die Liebe zu den Feinden ab. „Vollkommen“, das meint nicht „perfekt“, sondern der, der ich wirklich bin, derjenige also, dem es in die Wiege gelegt wurde, sich so zu entwickeln – wenn eben nicht etwas dazwischenkommt! Das, was dazwischenkommt, nennt die religiöse Sprache „Sünde“, die Absonderung von Gott, von Seiner Idee für mich!

Jetzt ist die Zeit der Gnade – jetzt ist die Zeit, in der ich mich dafür entscheide, Maß zu nehmen an dem, was Gott sich für mich gewünscht hat. Dafür muss ich umdenken, eine Metanoia leben, denn die Gewohnheit und das, was ich von anderen gelernt habe, haben Spuren hinterlassen.

Machen wir die Probe aufs Exempel: Nehmen wir uns die Bergpredigt vor, „kauen“ wir auf ihr herum, erobern wir sie uns Satz für Satz und dann merken wir schnell, wie anders wir sonst denken – und letztendlich dann auch handeln:

Das menschliche Miteinander in allen Facetten, die Feindesliebe und der Wunsch nach Vergeltung; ja, auch das, was Jesus uns heute, an Aschermittwoch, über Fasten, Gebet und Almosen sagt; über die Weise, wie wir uns sorgen, wie wir über andere richten und ob wir im Gebet wirklich vertrauen – Jesus sagt, dass nur so ein stabiles Lebenshaus gebaut werden kann!

Fastenzeit – worum geht es da? Letztlich geht es nicht um etwas, um eine Leistung im Weniger oder Mehr, um Fastenrekorde oder Frühjahrskur. Es geht darum, die 40 Tage auf die bestmögliche Weise zu nutzen: Als eine Zeit, Christus neu zu entdecken, als jemanden, der so viel mehr ist, als ich mir selbst wünschen oder ausdenken kann.

Jetzt ist die Zeit der Gnade!

Amen.

Fürbitten

Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Zeit, den Herrn zu bitten, mit Ihm neu anfangen zu dürfen:

  • Hilf Deiner Kirche in dieser Zeit der Umkehr zu einer neuen Glaubenskraft zu finden, um so der Welt Deine Nähe und Barmherzigkeit glaubhafter als bisher zu bezeugen.
    (Christus, höre uns - Christus erhöre uns.)
  • Wir bitten in diesen Wochen um die Bereitschaft, uns neu auf Dein Wort einzulassen und uns so in Menschen umwandeln zu lassen, die den Mut haben, in ihrem Denken, Reden und Handeln Maß zu nehmen an Dir.
  • Hilf uns in dieser Zeit des Fastens und des Gebetes besonders die nicht zu vergessen, die bedürftig sind und sich Deiner Sorge entzogen fühlen. Gib uns ein mitfühlendes Herz, das bereit ist, mit ihnen zu teilen.
  • Wir empfinden uns als machtlos angesichts der Kriege und Konflikte in dieser Welt und spüren die Angst, die auch bei uns Menschen vor Überfremdung und Gewalt haben. Lass unser Gebet und unser Fasten dazu beitragen, dem Frieden und der Versöhnung auch bei uns Raum zu geben.
  • Lass unsere Verstorbenen an der Welt des Friedens und der Versöhnung teilhaben, die wir einst auch für uns erhoffen.

Gott, unser Vater, wir danken Dir für diese 40 Tage der Gnade und der Versöhnung, die Du uns jedes Jahr schenkst. Begleite und stärke uns. So bitten wir Dich durch unseren Herrn Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Amen.

Die verschiedenen Texte an Aschermittwoch des Lesejahres A finden Sie online im Schott der Erzabtei Beuron und beim Evangelium in leichter Sprache.

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