31.12.2025

Das Geschehene im Herzen erwägen

Predigt von Pfr. Dr. Robert Nandkisore im Übergang zwischen Silvester 2025 und Neujahr 2026 (Lesejahr A)

Liebe Schwestern und Brüder,

Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Quelle: Evangelium nach Lukas 2,19

Silvester und Neujahr lassen wenige kalt. Ob nun gefeiert wird oder nicht, es ist ein Datum, das viele zum Nachdenken bringt: Wir gehen in Gedanken den Ereignissen und Begegnungen, den persönliche Highlights und den Tiefpunkten des zu Ende gehenden Jahres nach. Nach-Denken: Was war wunderbar und wir würden uns gerne oft daran erinnern? Und was war nur schwer zu ertragen und wird sich hoffentlich im neuen Jahr nicht noch einmal ereignen? Für das neue Jahr werden hier und da auch Vorsätze gemacht – sie bräuchten dafür nicht den 1. Januar, aber mit dem Wechsel der Jahreszahl ist für uns alle etwas ganz Entscheidendes sichtbar: Es ändert sich was – und wenn es nur die Jahreszahl ist!
Für uns, die wir hier im Gottesdienst sind, möchte ich noch einen anderen Schritt gehen, der mehr ist als Nach-Denken:

Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Quelle: Evangelium nach Lukas 2,19

Die Liturgie der Kirche stellt uns Maria ins Portal des neuen Jahres und der Blick auf sie kann uns gerade in diesen Tagen gemeinsam eine Hilfe sein.

Wie Maria haben auch wir Worte, Ereignisse, Begegnungen des vergangenen Jahres „bewahrt“, wir erinnern sie. Es heißt nun nicht, dass Maria über das Geschehene „nachdenkt“, sondern sie erwägt, sie bewegt sie in ihrem Herzen! Ein kleiner und doch ganz entscheidender Hinweis:

In der biblischen Vorstellung ist das Herz der Sitz des Denkens, der Entscheidung und vor allem das Zentrum der Gottesbeziehung. Es geht nicht einfach nur um das, was wir als Nachdenken bezeichnen. Das „Im-Herzen-Erwägen“ ist für den gläubigen Menschen – und ein solcher ist Maria – die Haltung, durch die ich mich für oder gegen Gott entscheide.

Nach dem Lukasevangelium hat Maria nach der Verkündigung durch den Engel viel erlebt – Dinge, die viel von ihr abverlangten. Sie wurde nicht auf Rosen gebettet und ihr Leben geriet in vielem völlig durcheinander. Wie soll sie das zusammenbringen mit der Vorstellung eines Gottes, bei dem sie angeblich „Gnade gefunden“ hat? Die Situation, von der uns das heutige Evangelium berichtet, hat mindestens zwei Seiten: Da ist die einer doch recht verzweifelten Wöchnerin, die in ärmsten Verhältnissen und mehr oder weniger ohne Hilfe ihr erstes Kind gebären musste. Dass noch einmal alles gut gegangen ist, mag die anfängliche Dramatik erst einmal beruhigen, ist für sich genommen aber noch kein Lichtblick. Dann sind da die Hirten der Gegend, die völlig unerwartet zu einem Besuch erscheinen und völlig selig eine Botschaft  bringen, die das Neugeborene betrifft. Dies alles wird von Maria im Herzen erwogen und schließlich wird sie eine Entscheidung treffen, die sie für uns alle zur „Mutter“ und zum Vorbild des Glaubens macht!

Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Quelle: Evangelium nach Lukas 2,19

- Wir sind eingeladen, in dieser Haltung auf das alte Jahr zurückzublicken und auf das neue Jahr vorauszuschauen. Es ist die Haltung, die wir im zu Ende gehenden Heiligen Jahr als „Pilger der Hoffnung“  einüben konnten: Die Begegnungen und Ereignisse so zu deuten, dass dahinter und darin Platz bleibt für DEN, durch den ich mein Leben getragen weiß. Es ist nicht so, dass ich für alles einfach danken kann! Hier und da fällt es mir, fällt es uns möglicherweise sogar ausdrücklich schwer. Dabei aber die Bereitschaft aufzubringen, all dies in einen größeren Zusammenhang zu stellen, auch wenn sich mir der jetzt noch nicht erschließt. Ich erwäge die Dinge in meinem Herzen – im biblischen Sinne heißt das: Ich erlaube Gott die Deutung darüber und glaube daran, dass ich nicht einfach Mittel zum Zweck bin, sondern dass ER auch mir Leben in Fülle schenken möchte.

Natürlich: Eine solche Haltung des Vertrauens ist nicht nur zum Jahreswechsel gefragt. Ich kann sie an jedem Tag des Jahres einüben und darin wachsen. Wenn wir diese Haltung heute in der Gemeinde, in der Kirche gemeinsam einüben, dann legen wir über unser persönliches Erleben hinaus eben auch das der Gesellschaft, der Kirche vor den Herrn – stellvertretend für viele, die nicht glauben können oder wollen, die sich nicht getragen wissen und das Vertrauen in einen Gott nicht kennen, der für uns Mensch geworden ist.

Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. Quelle: Evangelium nach Lukas 2,19

Amen.

Fürbitten

Herr Jesus Christus, Du selbst bist es, der mit uns in dieses neue Jahr geht. Im Glauben an Deine Gegenwart bitten wir Dich:

  • Du bist der Sohn des Vaters: Lass uns als Menschen leben, die durch die Botschaft des Weihnachtsfestes ermutigt werden, Dich in dieser Welt durch unser Leben zu bezeugen,
    (Christus, höre uns - Christus, erhöre uns)
  • Du lebst in der Einheit des Vaters und des Geistes: Schenke Deiner Kirche die Kraft, gerade denen beizustehen, die in unserer Welt und unserer Gesellschaft an den Rand geraten und übersehen werden.
  • Schenke den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft die Bereitschaft, ihr Planen und Handeln vor Dir zu verantworten und dem Wohl der Weltgemeinschaft zu dienen. 
  • Schenke besonders denen neues Vertrauen, die das Neue Jahr mit Sorge und Angst erwarten, die vor einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben stehen.
  • Du bist gekommen, um uns ewige Wohnung zu berieten: Schenke den Verstorbenen des vergangenen Jahres Gemeinschaft mit Dir und lass die Hinterbliebenen aus der Begegnung mit Dir Dankbarkeit und neue Lebensfreude schöpfen.

Du bist das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und uns liebst in alle Ewigkeit.

Amen.

Die verschiedenen Texte an Neujahr (Hochfest der Gottesmutter Maria) des Lesejahres A finden Sie online im Schott der Erzabtei Beuron und beim Evangelium in leichter Sprache.

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