23.01.2026

Liebe Kirche, wach auf! Das Licht leuchtet in der Finsternis – siehst du es?

Predigt von Pfr. Dr. Robert Nandkisore am 3. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt Ortsangaben in der Heiligen Schrift, die wir kennen, auch wenn wir selbst vielleicht nie persönlich da waren: Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, Kafarnaum, Kana, Bethanien, der Berg Tabor. Sie sind meist mit dem Leben und Wirken Jesu verbunden und uns daher irgendwie „vertraut“. Andere Orte, die auch genannt werden, sind es nicht – und auf die möchte ich heute einmal die Aufmerksamkeit richten:

„Wie der Herr in früherer Zeit das Land Sebulon und Naftali verachtet hat“ (Jes 8,23), heißt es beim Propheten Jesaja. Und im Evangelium hörten wir eben: Jesus „verließ Nazareth, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali“ (Mt 4,13). Sebulon, Naftali – was oder wer ist das? Es sind die Namen zweier von zwölf Söhnen Jakobs und damit von zweien der zwölf Stämme Israels – von denen am Ende nur noch Juda übrig blieb. Sie siedelten im Norden des Heiligen Landes und wurden schon früh von den Assyrern erobert. Das bedeutete: Die jüdische Bevölkerung vermischte sich mit den heidnischen Eroberern und auch mit deren religiösen Traditionen. Die frommen Juden in Jerusalem und Juda konnten auf ihre ehemaligen Stammesgenossen nur mit Verachtung herabblicken, sie galten ihnen als von Gott verlassen und bestraft, als „halbe Heiden“. Aber schon bald hat der Prophet Jesaja ein Hoffnungswort: Dieses Volk, das im Dunkeln lebt, wird ein helles Licht sehen!

Ja, manchmal mahlen Gottes Mühlen langsam: Der Evangelist Matthäus knüpft an diese Verheißung an und lässt Jesus als dieses Licht erscheinen. Nazareth liegt auf dem Gebiet des ehemaligen Stammes Sebulon, Kafarnaum auf dem des Stammes Naftali. Dort, in der Gegend, die den frommen Juden nach wie vor suspekt war – „kann von Nazareth etwas Gutes kommen?“ (Joh 1,46) – wird Jesus den Großteil Seines Lebens und Seiner Verkündigungszeit verbringen; von dort her beruft ER die Apostel, die in Seinem Namen der ganzen Welt das Licht des Glaubens bringen werden. Die Frommen Jerusalems, die die Heiligen Schriften eigentlich kennen müssten, war dieses Wirken Jesu ein Dorn im Auge. Glaubensverkündigung und Erneuerung betrachteten sie als ihre Aufgabe und wer zu ihnen gehört, das wollten sie bestimmen.

Wo liegt für uns die Frohe Botschaft dieses Sonntags verborgen? Sebulon und Naftali: Stehen sie nicht heute für das, was wir sehen und beklagen? Für einen großen Teil der Gesellschaft, der sich anscheinend nicht für Kirche und Religion interessiert, der uns den Rücken gekehrt hat; für eine Generation, die kaum religiöse Erziehung und Bildung erfahren hat und die wir nicht erreichen – was auch immer wir versuchen?

„Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht“ – seit einigen Jahren ist etwas Erstaunliches zu beobachten: In Frankreich wurden am letzten Osterfest über 10.000 Erwachsene getauft; dazu kamen noch einmal 7400 Jugendliche. Auch in England ist ein Trend zu verzeichnen. Deutschland kann da noch lange nicht mithalten, aber gerade in den Großstädten – auch in Frankfurt – zeigt sich: junge Menschen, von denen wir es gar nicht vermutetet hätten, zieht es zu traditionellen Gottesdiensten, in denen die Anbetung im Mittelpunkt steht. Glaubensfestivals wie die „Adoratio“ in Altötting, „Kommt und seht“ in Köln, Kongresse wie „ZimZum“ oder „Mehr“ verzeichnen immer mehr Zulauf. Von den Medien werden die Teilnehmer als „die hippen Missionare“ verunglimpft und so manche Kirchenfunktionäre schließen sich da an, die auf mich den Eindruck machen, eher den Schriftgelehrten und Pharisäern des damaligen Jerusalems zu ähneln als wache Jünger Jesu zu sein.

Liebe Schwestern und Brüder, ja wir erleben es, dass in „Sebulon und Naftali“ ein Licht aufgeht, erst zaghaft aber doch offensichtlich stetig. Und wie damals in Galiläa liegt das nicht daran, dass wir als Kirche etwas „machen“, um attraktiv oder anziehend zu sein. Es gibt auch heute ein unerwartetes und wirkmächtiges Handeln des Geistes Gottes. Unsre Zeit ist für viele verwirrend und unsicher geworden, Menschen suchen nach wirklichem Halt und Orientierung – und Jesus sagt zu uns wie damals zu Seinen Jüngern: „Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder schon weiß sind zur Ernte“ (Joh 4,35).

Schauen und hören wir hin: Frohe Botschaft überall!

Amen.

Fürbitten

Zu Jesus Christus, der uns auch heute die Frohe Botschaft zusagen möchte, wollen wir beten:

  • Wir bitten Dich für unsere Gemeinden und die Kirche in unserem Land: Entfache durch Deinen Heiligen Geist in uns die Glaubensfreude, so dass wir Deine frohmachende Nähe glaubwürdiger verkünden können.
    (Du Licht der Welt - wir bitten Dich, erhöre uns)
  • Schenke uns ein waches Gespür dafür, wo heute Deine Botschaft die Menschen neu zu Dir führt und lass sie bei uns auf offene Arme und Herzen treffen.
  • Wir bitten Dich um Deinen Beistand dort, wo Krieg und Gewalt herrschen, wo Menschen um ihre Sicherheit und ihr Leben fürchten müssen: Verhilf allen großen und kleinen Friedensbemühungen zum Erfolg.
  • Wir bringen Dir die Nöte unserer Kranken und Sterbenden, der Einsamen und Enttäuschten: Lass sie auch durch unseren Beistand neues Vertrauen in Dich fassen
  • Für unsere Verstorbenen, dass sie bei Dir geborgen sind, wo der Tod keine Macht mehr über sie hat.

Du rufst uns zur Umkehr, zur Hinkehr zu dir, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in alle Ewigkeit.

Amen.

Die verschiedenen Texte am 3. Sonntag des Jahreskreises des Lesejahres A finden Sie online im Schott der Erzabtei Beuron und beim Evangelium in leichter Sprache.

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