30.01.2026
Die Seligpreisungen als Heilungsweg
Liebe Schwestern und Brüder,
„er stieg auf den Berg und setzte sich“ – mit dieser Szenenbeschreibung erinnert Matthäus seine jüdischen Zuhörer an einen anderen Berg und einen anderen großen Lehrer Israels: Er erinnert an Mose und indem Jesus sich „setzte“ und lehrte, setzte Er sich gleichsam auf den „Lehrstuhl des Mose“. Was ER, Jesus, zu sagen hat, geschieht mit höchster Autorität!
Mose verkündete damals am Berg Sinai im Auftrag Gottes die 10 Gebote. Sie, die Israeliten, litten beinahe eineinhalb Jahrhunderte unter der Sklaverei in Ägypten. Jetzt, auf dem Weg in die Freiheit, sollten sie zu einem Volk werden. Das geht nur, wenn sie eine gemeinsame Ordnung eint, die jeder achtet und der er sich verpflichtet. Eine Regel, die verfügt, dass es eine gemeinsame Gottesverehrung gibt; die Eltern geehrt werden und die Achtung vor der Familie eines anderen herrscht, ebenso der Schutz des Eigentums; ja dass das Lebens selbst gewährleistet wird. Wo dies geschieht, kann etwas Gemeinsames wachsen, kann eine Volksgemeinschaft entstehen. Fremd ist uns das auch heute nicht!
Was aber geschieht, wenn diese Ordnung immer wieder gebrochen und durchbrochen wird? Wenn sich immer wieder das Recht des Stärken durchzusetzen scheint, wenn Gott nicht mehr an erster Stelle steht, wenn Götzendienst einzieht?
Noch einmal ergänzende Zehn Gebote, sozusagen „2.0“? Die Zahl 10 gilt als Symbol der Ordnung und der Vollendung – was kann es mehr als Vollendung geben?
Die „alte“ Ordnung – sie gilt nach wie vor und wer bis heute das menschliche Miteinander organisieren und möglich machen will, muss sich daran orientieren. Die Erinnerung, ja die Einschärfung dieser Ordnung gehört zur rechten Erziehung eines jungen Menschen fundamental dazu!
Jesus, der neue Mose, verkündet etwas Neues: Acht Seligpreisungen. Matthäus wählt die Zahl „8“ nicht zufällig (die 9. Seligpreisung fällt aus der sprachlichen Ordnung und hat ihren Bezugspunkt in Jesus). Die Acht als Zeichen eines neuen Anfangs, einer neuen Schöpfung, eines neuen Lebens. Aber schauen wir hin: Können wir das, was Jesus uns da anpreist, den Menschen, gerade den jungen, wirklich vermitteln? Dass Armen und Sanftmütigen das Himmelreich gehört – sie müssen das doch als Vertröstung verstehen, da sie hier unter die Räder kommen. Dass Trauernde getröstet und Hungernde gesättigt werden – das wäre gewiss schön, aber die brutale Realität sieht anders aus. Diese neue Ordnung muss doch scheitern, noch viel krachender als dies mit der ersten geschah und geschieht!
Aber das, was Jesus verkündet, ist keine neue Ordnung. Er lädt zu einer neuen Haltung ein. Und diese Haltung nimmt einzig Maß an Ihm! Seine Titel sind Heiland und Erlöser. Wo die Ordnung der 10 Gebote gestört wird, wo Menschen bis in Familien hinein einander nicht mehr achten, das Recht des Stärken gilt und das Leben zur Disposition steht, können wir versuchen zu strafen und zu ahnden. Aber heilen wird das nichts! Wie kann die Spirale von Neid, Hass, Egoismus und Rache überwunden, durchbrochen werden? Einzig und allein durch eine Lebenshaltung, die Er, Jesus, uns vorgelebt hat. ER wird Seine Jünger nicht dazu auffordern, Ihn anzubeten, sondern Ihm nachzufolgen: „hinter mich!“ ruft ER auch uns zu. Und Sein erstes Verkündigungswort, das von Matthäus überliefert wird, heißt: „Kehrt um!“, Metanoia, ein anderes, ein neues Denken. In den Seligpreisungen der Bergpredigt wird deutlich, was das heißt.
Einem jungen Mensch, der seinen Start in das Leben sucht und sich dabei an die bewährte Ordnung halten möchte, der sich nach Aufstieg und Erfolg sehnt, darf unsere ganze Sympathie und Unterstützung gelten. Er wird aber zwangsläufig an die erwähnten Grenzen stoßen. Und dann? Dann lädt Jesus zu einem neuen Weg ein, einem Weg, der allein das ganze verwundete System heilen kann.
Jesus beruft erwachsene Menschen in Seine Nachfolge, solche, die ihre Erfahrungen mit der alten Ordnung gemacht haben, solche, die dabei unter die Räder gekommen sind. Neues ist möglich – für Menschen, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Dieser Weg verspricht keinen Erfolg im herkömmlichen Sinn. Wozu er aber garantiert führt, sehen wir an IHM: Zum Leben, zu einem Leben in Fülle, zu Heilung. Zu etwas, was die alte Ordnung niemals ermöglichen konnte und kann. Das ist der Weg der Kirche.
Amen.
Fürbitten
Gott, den barmherzigen Vater, hat uns durch Mose die 10 Gebote und durch Seinen Sohn die Seligpreisungen geschenkt. Wir bitten Ihn:
- Wir bitten Dich für unsere Gesellschaft, die in Weltanschauung und Religion zerteilt ist: Hilf uns im Blick auf die 10 Gebote das Gemeinsame zu sehen und das Miteinander menschlicher zu gestalten.
(Barmherziger Vater - Wir bitten Dich, erhöre uns) - Wir bitten Dich für die Armen und Benachteiligten, für die, die im Konkurrenzkampf unseres Lebens unter die Räder gekommen sind: Lass sie auch durch unsere Hilfe und unseren Beistand erfahren, dass Du selbst ihnen nahe bist.
- Wir bitten Dich für die Trauernden und einsamen, für die Zerschlagenen und Verfolgten: Lass uns an einer Gesellschaft mitbauen, die auch sie nicht übersieht.
- Wir bitten Dich für die, die hier und weltweit in Deinem Namen den Geist der Seligpreisungen durch ihr Leben verkünden. Und so bitten wir Dich heute besonders für Diakon Peter Fischer: Lass ihn erfahren, dass du ihn auch in seinem neuen Lebensabschnitt begleitest.
- Wir vertrauen Dir auch unsere Verstorbenen an. Lass sie die Seligkeit des Himmelreiches erfahren.
Lass uns darüber jubeln, Deine Söhne und Töchter zu sein, der Du uns in die Gemeinschaft mit Deinem Sohn und dem Heiligen Geist rufst, jetzt und in alle Ewigkeit.
Amen.