16.01.2026

Das Reizwort „Sünde“

Predigt von Pfr. Dr. Robert Nandkisore am 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist nur ein Wort und es ist mit so viel Bedeutung, Vorurteilen, Affekten, Negativität und Geschichte beladen, das es für viele zu einem Reizwort geworden ist. Erstaunlich, dass es von der „Cancel Culture“ noch nicht zum Unwort erklärt worden ist! Außerhalb der Kirche machen sich nicht wenige darüber lustig oder erklären, dass für sie in der Erinnerung Kirche und Verkündigung so sehr damit belastet waren, dass sie es nicht mehr aushielten und sie sich mit der Religion nicht mehr befassen wollen. Was meine ich für ein Wort? Das Wort „Sünde“!

„Seht das Lamm Gottes, das die Sünder der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29) – es ist das erste Wort, das über Jesus gesprochen wird; wir hörten es eben aus dem Mund Johannes des Täufers. Dieses Wort ist so zentral, dass es in der Liturgie kurz vor der Kommunion gesprochen wird und die Gläubigen mit einem anderen Zitat aus dem Evangelium antworten: „Herr, ich bin nicht würdig…!“ (vgl. Mt 8,8).

Sünde, unwürdig, nicht wert sein – was käme alles zusammen, würden wir jetzt spontan unsere Gedanken zu diesem Wort „Sünde“ sammeln? Und: Würde es für uns mit der „Frohen Botschaft“ in Verbindung stehen, uns wirklich froh machen? Dabei muss uns klar sein: Das Christentum ist ohne das Wort „Sünde“ nicht zu verstehen!

Obwohl: Es geht nicht um das Wort – es geht darum, was es bedeutet. Und hier müssen wir uns die Mühe machen, genauer hinzuschauen. Wenn es etwas so Zentrales betrifft, hilft es nicht, einfach darüber hinwegzuschauen und zu meinen, es gäbe doch Wichtigeres, als sich damit zu befassen.

Zum einen können wir dem Wort selbst nachgehen: „Sünde“ kommt in unserer Sprache von „Absonderung“ und damit beschreibt es gut, worum es geht. Der Mensch sondert sich von Gott ab und das hat Folgen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, in der Regel ist es das Misstrauen gegenüber Gott, das in der Bibel bildlich dargestellt wird im Essen der verbotenen Frucht durch Adam und Eva. Dieses Misstrauen hat Folgen: Es zerstört alle Bereiche der Schöpfung!

Zum anderen können wir versuchen, ein anderes Wort zu finden, das das gleiche meint, aber für uns weniger belastet ist. Da kann uns die Tradition der Ostkirche helfen. Sie spricht von „Verdunkelung“ und „Blindheit“, wenn es um Sünde geht: Der Mensch sieht nicht richtig, er kann nicht erkennen, wie groß und barmherzige Gott ist; er kann nicht erkennen, wie sehr das Licht Gottes alles durchdringt. Wo die Kirche hier im Westen von „Sündenvergebung“ spricht – mit all den Affekten, die das beim einen oder anderen von uns bewirkt – benutzt die Ostkirche das Wort „Erleuchtung“ (). Wenn ich erkenne, wenn ich sehe, wie sehr Gott das Leben liebt und auch mich schon jetzt zu einem Leben in Fülle ruft, dann denke, rede und handle ich anders. Dann bin ich „erleuchtet“, dann sondere ich mich nicht mehr ab!

Wir stehen immer noch am Anfang eines neuen Jahres. Wir sehen in unserem weiteren oder engeren Umfeld, wie sehr das zwischenmenschliche Leben, das Leben überhaupt, gefährdet ist. Und wenn wir versuchen, ehrlich zu uns selbst zu sein, erkennen wir auch, dass es Bereiche gibt, an denen wir, an denen ich selbst Teil dieser Unordnung bin. Hier bekommen wir gesagt: Seht, da ist jemand, der all das hinwegnimmt! Und dieser Jemand ist nicht irgendeiner – ein großer Meister, Guru oder spiritueller Lehrer. Nein, dieser Jemand ist Gottes Sohn! Dieser Jemand ist einer, der tut, was Er sagt; der hält, was ER verspricht. Ja mehr noch: Dieser Jemand ist der einzige, der es vermag, eine Ordnung wieder herzustellen, die unserer Welt zu Grunde liegt. Schauen wir hin, schauen wir aufmerksam und ohne Scheuklappen hin: Wir brauchen diese Ordnung, wir brauchen diese Heilung. Wir brauchen jemanden, der uns Mut macht, aufzubrechen und etwas Neues zu wagen. Einer, der sagt: Ihr müsst es nicht machen, ihr müsst euch nur darauf einlassen, den Weg weiterzugehen, den ich für euch gebahnt habe.

Ob wir das Wort „Sünde“ verwenden oder das Wort „Blindheit“, ob „Sündenvergebung“ oder „Erleuchtung“ – wichtig ist doch zu erkennen, worum es geht. Und mit dem Glauben Ernst zu machen, dass Einer das wesentlich Neue schon längst getan hat – und wir Ihm auf diesem Weg nur folgen müssen. Darum geht es – aber auch um nicht weniger!

Amen.

Fürbitten

Unser Herr Jesus Christus ist das Licht für alle Menschen. Ihn bitten wir:

  • Wir bitten Dich für Deine Kirche, für alle Christen, dass wir neu bereit sind, Dir in unserem Denken, Reden und Handeln zu vertrauen und so an der Heilung unserer Welt mitwirken können.
    (Du Sohn Gottes – wir bitten Dich, erhöre uns)
  • Für die Kirche in Deutschland: dass sie neu nach ihrem Auftrag fragt und so Kraft für ihre Sendung erhält.
  • Hilf denen, die Dir und Deiner Führung nicht mehr vertrauen können: Lass sie auch durch unser Zeugnis erkennen, dass nur Du Leben in Fülle schenken kannst und willst.
  • Hilf den getrennten Christen, Wege zu finden, die das gemeinsame Zeugnis für Dich in dieser Welt glaubwürdiger machen.
  • Für unsere Kranken und Sterbenden und für die, die ihnen beistehen: Lass sie in der Nähe und Zuwendung Deinen Trost und Deine Versöhnung erfahren.
  • Für unsere Verstorbenen, dass Du sie von all dem befreist, was sie von Dir trennen könnte.

Du führst als das Lamm Gottes die verlorene Menschheit zum Vater zurück, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Amen.

Die verschiedenen Texte am 2. Sonntag des Jahreskreises des Lesejahres A finden Sie online im Schott der Erzabtei Beuron und beim Evangelium in leichter Sprache.

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