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Von der Ehescheidung – oder: Zurück zum Anfang

Predigt von Pfr. Dr. Robert Nandkisore zum 27. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)
Von der Ehescheidung – oder: Zurück zum Anfang
Von der Ehescheidung – oder: Zurück zum Anfang
Im römischen Kaiserreich könnte eine Ehe geschlossen werden in dem das Paar 100 Tage lang jede Nacht das Bett teilt. Die Scheidung erfolgte durch ein vor Zeugen ausgesprochenes "gehe aus meinem Haus" (durch den Ehemann. Im übrigen konnte dieses Haus ehemals ihr gehören… mit der Ehe gehörte alles ihm, Haus, sie, wie auch eventuelle Kinder). Es gab aber auch deutlich aufwendigere Ehe(und Scheidungs)formen in denen Frauen mehr Rechte hatten bis hin zu riesigen Festen und umfangreichen Eheveträgen mit Gütertrennung: Ein Novum in der Antike. Mit Liebe hatte das allerdings selten etwas zu tun. © plicka auf pixabay.com

Die Texte zum 27. Sonntag im Jahreskreis wie der Lesungen (Gen 2, 18–24 und Hebr 2, 9–11) und des Evangeliums (Mk 10, 2–16) finden Sie online im Schott der Erzabtei Beuron oder auch bei Evangelium in Leichter Sprache.

Liebe Schwestern und Brüder,

Ehe, Scheidung, Liebe – verminte Themenfelder, bei denen ich damit rechnen muss, missverstanden zu werden. Ich versuche es dennoch:

- Im alten Israel waren Frauen, die aus der Ehe entlassen, wurden, mehr oder weniger rechtlos. Das Recht ermöglichte es dem Mann, die Frau vor die Tür zu setzen. Zur Zeit Jesu gab es eine rabbinische Richtung, die es dem Mann noch leichter machen wollte, diesen Schritt zu vollziehen: „Aus jedem beliebigen Grund“, wie es in der Parallelstelle bei Mt 19,3 heißt. Eine Frau hatte dieses Recht – natürlich! – nicht. Und wenn der Evangelist Markus von Frauen spricht, die den Mann aus der Ehe entlassen, so ist der römische Hintergrund der frühen Gemeinde zu sehen. In Israel war das undenkbar.

Was antwortet Jesus auf die Frage der Pharisäer? Seine Sorge gilt wie überall sonst auch den Schwachen und Entrechteten, denen, die auf Hilfe angewiesen sind, die unter die Räder geraten. Nicht Scheidungsverbot ist hier der Fokus, sondern der Schutz der Frauen vor Willkür, die durch eine Scheidung in eine Rechtlosigkeit gestoßen werden. Die Ehe war damals – wie auch heuten noch in nicht wenigen Kulturen – eine Vertragssache zwischen zwei Familien oder Clans. Dabei ging es auch um den Schöpfungsauftrag: „Seid fruchtbar und vermehret euch“ (Gen 1, 28) – es ging aber nicht um persönliches Glück!

In diese Situation hinein spricht Jesus Sein klares Wort. Und ER geht an die Wurzel:

- Am Anfang der Schöpfung: Am Anfang steht die Suche des Mannes – des Menschen – nach dem Mitgeschöpf, das seiner Sehnsucht nach Ergänzung, nach Dialog auf Augenhöhe erfüllen kann. Diese Sehnsucht ist so groß, dass dafür auch die bisher stärkste Bindung, die zu der eigenen Ursprungsfamilie, aufgelöst wird. Hier geht es nicht um ein Vertragsverhältnis – hier geht es um Liebe und um den Mut zu einer Lebensentscheidung. Das steht in der Deutung Jesu am Anfang. So soll es sein. Jede Überlegung, wie die Frau am besten entfernt werden kann, widerspricht diametral dieser Sicht – der Sicht Gottes auf den Menschen! Die Ehe ist die Antwort auf die Suche des Menschen nach seiner Entsprechung, nach dem Beistand und der Hilfe, die ihm entspricht.

- Was folgt aus alledem? Eine Predigt ist kein Vortrag und kein Diskussionsbeitrag. Ich möchte einladen, das froh Machende der Botschaft Jesu zu sehen, das vor allen möglichen Diskussionen über Liebe, Ehe und Partnerschaft steht.
Seit 30 Jahren darf ich Paare dabei begleiten, sich auf das Sakrament der Ehe vorzubereiten. Dabei merke ich immer wieder das Staunen der beiden darüber, wenn ihnen die Deutung der Liebe in der Heiligen Schrift nähergebracht wird. Die beiden, die da bei mir sind, lieben sich natürlich – oder besser: sind bis über beide Ohren ineinander verliebt. Der Andere als ein greifbares Zeichen der Liebe Gottes zu mir; der Andere als Antwort auf meine Suche nach Ganzheit und Erfüllung – darum geht es.  In unserer Gesellschaft wird viel über Liebe gesprochen – wir Christen benutzen das gleiche Wort. Die Deutung, die Christus ihm gibt, ist jedoch etwas anderes. In all den Jahren meines Dienstes habe ich nur wenige Paare erlebt, bei deren Trauung ich als Priester tatsächlich nur „assistierte“ (wie es die Liturgie vorsieht), als sie sich gegenseitig das Sakrament der Ehe spendeten. Dass ich also als Zuge dabei bin, wie „Christus in ihr“ zu „Christus in ihm“ spricht. Eine Garantie für eine gelingende Ehe ist das natürlich nicht – so etwas gibt es im Leben nicht. Ich frage mich aber zunehmend, wo und wie gerade junge Menschen das „andere“ christliche Miteinander und lieben lernen? Wer es einmal erlebt, der spürt, wie „anders“ das ist!

Vieles ließe sich noch sagen und fragen: Welchen Wert eine Gemeinde auf die Ehevorbereitung legt; wie wir junge Menschen zum Respekt vor ihrem eigenen Körper verhelfen können, da der Umgang mit ihm unser Menschsein und Christsein tief beeinflusst; wo Ehe- und Familienkreise in unseren Gemeinden lebendig sind, die den Mut haben, sich tief und ehrlich miteinander auszutauschen, so dass darin die Hilfe Christi und Seine Nähe spürbar werden; und auch wie christliche Ehen die Ergänzung und Freundschaft zu Priestern bedürfen und umgekehrt?

Wir Christen können von Liebe, Ehe und Partnerschaft nicht beliebig sprechen – und müssen immer wieder neu darauf hören, was Christus zu sagen hat. Das sollte immer am Anfang stehen.

Amen.

Unseren Herrn Jesus Christus, der uns ermutigt, der Liebe Raum zu geben, bitten wir:

  • Für die Paare, die in ihrem Alltag Deine Treue zu uns sichtbar machen: Stärke ihre Liebe auch in schweren Zeiten.
    (Christus, höre uns – Christus, erhöre uns)
  • Wir bitten für die Ehepaare, die es schwer miteinander haben: Lass sie nicht müde werden, nach neuen Wegen des Miteinanders zu suchen und dabei auch nach Hilfe Ausschau zu halten.
  • Wir bitten Dich für die Paare, die sich getrennt haben: Lass sie in ihrem Scheitern nicht alleine und stärke sie im Vertrauen, dass Du sie zu einem Leben in Fülle berufst.
  • Wir bitten für alle Opfer von Missbrauch in Kirche und Gesellschaft:  Hilf ihnen, neu Vertrauen zu lernen und ihr Leben dankbar annehmen zu können.
  • Wir bitten um den Mut, auch in unserer Kirche an einem Klima mitzuwirken, in dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Liebe, die Du selber bist, lernen können
  • Wir bitten Dich auch für unsere Verstorbenen: Lass sie bei Dir die Heimat finden, nach der sie sich gesehnt haben.

Du bist der, der uns zum Leben in Fülle ruft. Dir sei Dank, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in alle Ewigkeit.

Amen.

Dr. Robert Nandkisore
Leiter des Pastoralteams, Vertretung der Pfarrei nach außen und Ansprechpartner für Tauf- und Eheseminare und Kirchenentwicklung
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123-703770

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