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"Herrlichkeit - oder: was sehen wir?"

Predigt von Pfr. Nandkisore am 7. Sonntag der Osterzeit (02. Juni)
"Herrlichkeit - oder: was sehen wir?"
"Herrlichkeit - oder: was sehen wir?"
© Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,

was sehen wir im Blick auf unseren Glauben, auf unsere Kirche? Im Blick auf die Zukunft, auf die hin wir leben? Eine komische Frage!? Ich habe sie aus der Apostelgeschichte genommen. Da wird von Stephanus erzählt, der gesteinigt wird. In seiner Not blickt er zum Himmel und sieht die „Herrlichkeit Gottes“ und ruft: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten des Vaters stehen!“ (Apg 7,56). Das stachelt die Gegner noch mehr auf, doch ihm gibt es Kraft, Sicherheit – das gibt ihm in allem Sinn.

Was sehen wir, das unserem Dienst als Christen in der Welt Sinn gibt, Richtung? Das müssen wir unbedingt beantworten. Wo es keine Vision gibt – wo wir also nichts sehen – „verwildert das Volk“ (Spr 29,18), heißt es schon im Buch der Sprichwörter. Oder gewohnt prägnant Franz Kamphaus: Wer keine Vision hat, hat keine Zukunft!

- Wie sehen wir unsere Zukunft? Wir gehen auf Pfingsten zu und dort sollen wir neue Kraft für das bekommen, was der Herr uns auftragen will. An Himmelfahrt wurde von Ihm klar formuliert: „Dafür sollt ihr Zeugen sein!“ Wir, Seine Jünger, sollen bezeugen, dass Gott „anders“ ist und die Menschen einladen, umzudenken – Metanoia: Gott ist ein Naher, ein Sich-Sorgender, Mitgehender. Wie viele Menschen haben heute – gerade auch als Christen – Angst vor Gott, trauen Ihm nicht über den Weg? Da werden dann Gebote erfüllt, die garantieren sollen, dass Gott mir wohlgesonnen bleibt. Aber das funktioniert nicht! Aus diesem Umdenken sollen wir dann auch bezeugen, dass Gott Sünde vergibt: Sünde als Absonderung, als Weigerung, Ich selbst zu werden; Sünde als Haltung, an mir selbst vorbeizuleben. Mich also zu weigern, das Bild zu werden, als das ich in den Augen Gottes erschaffen wurde. Aber du bist gut, geliebt, die beste aller möglichen Ausgaben deiner selbst. Das zu bezeugen ist unser Auftrag als Kirche, als Christen. Es klingt so befreiend einfach und so anders als vieles, was uns sonst in der Kirche beschäftigt.

- Wie sehen wir unsere Zukunft? Vielleicht sollte zuerst einmal eine ganz andere fundamentale Frage beantwortet werden: Wie sehen wir uns? Das ist keine Nebensache! Ebenso ist es keine Nebensache, für die Beantwortung darauf zu schauen, wie Jesus uns sieht. Im heutigen Evangelium spricht ER im Gebet zum Vater davon, dass wir „eins sein mögen“. Bevor wir jetzt darüber spekulieren, ob diese Einheit Uniformität oder Gleichmacherei bedeutet oder die Einheit aller Christen in einer Kirche, sollten wir richtig lesen, zuhören: „Wie du in mir bist und ich in dir, sollen auch sie in uns sein – damit die Welt glaubt!“ Damit die Welt glaubt – da haben wir es wieder. Das ist Jesus ein Anliegen: Nicht bei uns stehenzubleiben, sondern die Welt in den Blick zu nehmen. Das Entscheidende, damit das geschehen kann, hat uns Christus nämlich gegeben: die Herrlichkeit! „Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“

Verflixt! Was heißt das? Wir merken, dass der Sprachgebrauch der Bibel nicht mehr der Unsrige ist. Wir verstehen es nicht. Aber hier geht es um Zukunft!

- Herrlichkeit, Doxa: Sie bezeichnet Besonderheit, Ansehen – dass etwas vortrefflich ist, vortrefflich geschaffen und gestaltet. Da hat jemand eine ganz besondere Würde – und die bekommt er von Jesus!

Wenn jemand mit einer ganz besonderen Würde ausgezeichnet wird, dann verhält er sich anders, spricht er anders. Er möchte dieser Würde, dieser Auszeichnung entsprechen. Er „wächst“ beinahe. Jesus gibt uns, mir dieses besondere Ansehen, das Er selbst vom Vater bekam. Wenn wir nur einen einzigen Tag über diesen einen Satz nachdenken würden, miteinander ins Gespräch kämen …

Damit die Welt glaubt! Weil die Menschen fragen werden, neugierig werden: Was macht euch so besonders?!

Was sehen wir – wie sehen wir uns? Wenn wir das im Sinn des Evangeliums beantworten können, dann werden wir auch die Zukunft der Kirche erkennen können. „Ich sehe die Herrlichkeit Gottes“ – ich sehe, was wir selbst sind. Unglaublich!

Amen

 

Fürbitten

Unseren Herrn Jesus Christus, der uns sendet, in dieser Welt Zeugen der Frohen Botschaft zu sein, bitten wir:

- Hilf uns als Deiner Gemeinde, danach zu fragen und zu schauen, für wen wir in Deinem Namen da sein sollen, und lass uns mutige Entscheidungen treffen, um Deinem Auftrag zu dienen.

 (Christus, höre uns – Christus, erhöre uns)

- Lass unsere Kinder und Jugendlichen auch durch das Vorbild ihrer Eltern erfahren, dass Du ein Gott bist, der ihre Namen kennt und sie auf ihrem Lebensweg begleiten möchte.

- Schenke Deiner ganzen Kirche in der Zeit der Vorbereitung auf Pfingsten neue Zuversicht, um die Wege zu erkennen, die Du heute mit uns und allen Menschen gehen willst.

- Schenke den Mutlosen neue Zuversicht, den Enttäuschten neue Hoffnung, den Verlassenen neue Lebensfreude und allen Trauernden Deinen Trost.

- Schenke unseren Verstorbenen bei Dir die Herrlichkeit, auf die sie im Leben gehofft haben.

Denn Du führst uns zum Vater, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebst und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

 

Pfarrer Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770