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Die Erhörung einer Bitte - oder: Befreiung zu sich selbst

Predigt von Pfr. Nandkisore am 20. Sonntag im Jahreskreis 2020 (16.08.2020)
Die Erhörung einer Bitte - oder: Befreiung zu sich selbst
Die Erhörung einer Bitte - oder: Befreiung zu sich selbst
SONY DSC © Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de
  • Evangelium

  • Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich für mich entdecke, dass Ferien „erholsam“ waren, dann hat das nicht nur damit zu tun, dass meine geistigen und körperlichen Kräfte erneuert wurden. Für mich kommt da auch immer hinzu, dass ich Abstand von meinem Alltag gewinne und damit auch von mir selbst. Dass ich prüfend darauf schauen kann, was wie und warum etwas so und so gelaufen ist – und ob es gut war. Wo ich mir selbst ggf. ein Hindernis war. Kommt dann ein freundschaftlich-kritischer Blick hinzu, der mit hilft, etwas zu sehen und ins Wort zu bringen, was vorher so nicht möglich war, dann kann etwas gelingen, was vorher nicht möglich war: eine Kurskorrektur! Etwas ganz Entscheidendes, um im Alltag eben nicht genau wieder in die gleichen Muster zu fallen – die zu Handlungen und Ergebnissen führten, die nicht nur mir nicht gut taten. Wenn das geschieht, sind Ferien für mich wirklich eine Erholung, denn dann kann etwas heil werden.

- Von einer solchen Kurskorrektur verbunden mit einer Heilung ist für mich im heutigen Evangelium etwas zu entdecken – neben vielem anderen, was es dort auch zu sehen gibt. Aber ich möchte mich auf diesen Aspekt beschränken.

Es wird von einer Frau erzählt, einer Mutter. Ob es einen Ehemann gibt, einen Vater, bleibt offen. Die Frau plagt eine große Sorge: die Angst um ihre Tochter. Keine gewöhnliche Krankheit, sondern ein Dämon hat ihre Tochter in der Gewalt. Was ist das für eine Krankheit, was müssen wir uns genau darunter vorstellen? Ich sehe darin auch die Angst so vieler Mütter und Väter um ihre Kinder, die mit psychischen Problemen ringen, suizidgefährdet sind, unter Süchten leiden. Kein Fall ist wie der andere – bei vielen kommt jedoch die Scham dazu, dass das eigene Kind nicht „normal“ ist und sie selbst vielleicht doch irgendwie auch drinhängen. Unzählige Male hörte ich das in Gesprächen mit Eltern, deren Kinder in der Gemeinschaft „Cenacolo“ zu neuem Leben gefunden haben.

- Wie groß muss die Verzweiflung gewesen sein, dass die Frau diesen Fremden, diesen jüdischen Wanderprediger anfleht, ihr zu helfen?! Jesus selbst ist gewissermaßen auf der Flucht, zumindest ist ihm der Boden in der Heimat durch die ständigen Auseinandersetzungen mit den religiösen Führern zu heiß geworden – da tut jetzt Abstand ganz gut. Etwas Ruhe. Sammlung.

Und dann kommt dieser Hilferuf. Seine Reaktion darauf ist so untypisch anders, gerade in seiner Schroffheit, ja entwürdigenden Beleidigung: das Bild des Hundes, eines unreinen Tieres, mit dem die Frau und Ihresgleichen gleichgesetzt wird.

Wenn es so war – hätten Matthäus und Markus, die diese Episode berichten, die Szene nicht „glätten“ können? Da steckt etwas drin! Ja, eine Provokation – da soll etwas „herausgerufen“, „pro-vocare“ werden:

Die Reaktion der Frau ist erstaunlich: sie gibt nicht klein bei, geht auch nicht in einen Gegenangriff über, sondern sie übernimmt das Bild und wandelt es so, dass der Hilferuf darin erneut Platz findet. Aber anders! Und das ist entscheidend.

Matthäus fährt fort, dass Jesus diesen Gauben, dieses Vertrauen der Frau erwähnt und daraufhin meint, dass „ihr Wille“ geschehen soll.

Markus, der in der Tradition als Arzt gilt, beschreibt es so: Jesus sagt zu der Frau „weil du das gesagt hast, sage ich dir: der Dämon hat deine Tochter verlassen“ (Mk 7, 29)! Weil du das gesagt hast – weil du zeigst, dass du etwas Wichtiges verstanden hast; weil du bereit warst, dich zu verändern. Dieser Satz ist für mich der Schlüssel, um die vorherige scheinbare Beleidigung zu verstehen: Für die Frau drehte sich die Welt nur um sie selbst, um den Preis der Unfreiheit anderer. Auch ein Wanderprediger aus Judäa hatte ihren Wünschen zu dienen.

Er aber: Wer bist du? Kehre wieder zurück ins Glied, sieh dich als Teil des Ganzen.

Nein, es geht hier nicht um Schuld – was habe ich alles falsch gemacht? – es geht um Heilung und Befreiung! Das Wort Jesu heilt die Tochter, weil die Mutter zu sich selbst befreit wurde und so auch die Tochter von nun an sie selbst sein lassen darf.

Jesus befreit – auch mich, uns – zu uns selbst, zu unseren wahren Möglichkeiten. Das geschieht immer wieder auch durch Kurskorrekturen, wenn ich denn bereit bin, sie als solche wahrzunehmen.

Wie war das denn in diesen Ferien…?

Amen.

 

Fürbitten

Herr Jesus Christus, Du bist gekommen, um uns zu befreien. So bitten wir Dich:

- Wir bitten dich für Deine Kirche in unserem Land, unserem Bistum und unseren Gemeinden: dass wir vertrauensvoll von Dir verwandeln und heilen lassen, so, dass andere dadurch zum Leben finden.

(Christus, höre uns – Christus, erhöre uns)

- Wir bitten Dich für diejenigen, die Dich nicht suchen, weil sie Dich nicht kennen: Schenke ihnen die Begegnung mit glaubwürdigen Zeugen Deiner Gegenwart – und mache auch uns zu solchen Zeugen.

- Wir bitten Dich für alle Lehrer und Schüler, die ein neues Schuljahr starten: Dass sie unter den derzeitigen Umständen die Freude am Lernen und Lehren nicht verlieren.

- Wir bitten Dich für alle Mütter und Väter, die sich um ihre Kinder sorgen und sie gleichzeitig nicht loslassen können. Schenke Du die Einsicht, die beide Seiten befreit und heilt.

- Wir bitten dich auch für unsere toten Angehörigen, Verwandten, Freunde, für die, die uns den Glauben vorgelebt haben und für die, deren Tod niemand betrauert.

Mit Dir sind wir auf dem Weg zum Vater, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

 

Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770