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"So hat es zu sein - oder: Siehe, nun mache ich etwas Neues"

Predigt von Pfarrer Robert Nandkisore
"So hat es zu sein - oder: Siehe, nun mache ich etwas Neues"
"So hat es zu sein - oder: Siehe, nun mache ich etwas Neues"
© Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,

„siehe, nun mache ich etwas Neues“, heißt es bei Jesaja. „Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu alles überragt“, meint Paulus an die Philipper. Die Botschaft Jesu bringt neues Leben, etwas Neues, sie überrascht mich, führt mich weiter. Nur wenn wir das spüren, hat der Glaube heute bei uns noch eine Chance.

- Die Verse des heutigen Evangeliums über die Ehebrecherin finden sich nicht in den frühesten Handschriften der Evangelien. Sie wurden später eingefügt, in einer Zeit, Anfang des 2. Jahrhunderts, in der sich eine frühe Kirche eine erste Ordnung gab. Eine Zeit, in der es schon um „drinnen“ und „draußen“ ging. Diese Verse zu unterschlagen – das war sicher eine Versuchung! In ihnen ist zu spüren: Hier bekommen wir einen ganz authentischen Jesus überliefert – hier ist ein Jesus, der aus der Situation entscheidet und so zeigt, wes Geistes Kind Er ist. Wo sollen diese Verse untergebracht werden? Im Johannesevangelium, das in vielem so anders ist als die anderen drei. Da hinein gehört dieses Neue:

- Die Situation ist bedrängend, ja gefährlich – zumindest für zwei der drei Parteien: Für die Frau und für Jesus. Der dritten Partei, den Schriftgelherten und den Pharisäern, geht es darum, Jesus endlich eine Falle zu stellen: Entscheidet ER sich gegen die Überlieferung des Mose, würde ER sich selbst damit ins Abseits stellen und die Gegner hätten ein leichtes Spiel, Ihn zu beseitigen. Hält Er sich aber an das Gesetz, das zu erfüllen Er ja angeblich gekommen ist, dann gibt es also doch keine Sonderwege, die Jesus immer wieder beschreibt und sich dabei auf das Gesetz beruft.

Jesus weiß, dass ER hier nicht überzeugen kann. Sein Eintreten für das göttliche Gesetz ist so anders als das der Gegner. Hier helfen Worte nicht. Was ist zu tun? Bemerkenswertes hören wir da: Er bückt sich nieder, hockt sich hin – schreibt mit dem Finger auf die Erde: Jesus zieht sich in sich zurück. Es geht nicht mehr darum, was Mose gemeint hat, welche Entschuldigung es jetzt gäbe. Wozu ist Jesus gekommen? Was ist Seine Sendung? Seine Sendung ist es, einen Gott zu verkünden, der nicht richtet, sondern aufrichtet; der nicht Recht haben will, sondern rechtfertigt; dessen Gesetze Leben ermöglichen wollen und nicht verhindern. Seine Gegner bedrängen Ihn und wer sich dann aufrichtet ist ein Jesus in Seinem tiefen Selbstverständnis: „Wer ohne Sünde ist, werde den ersten Stein“ – das Gesetz bleibt bestehen, aber es geht nicht mehr um eine abstrakte Strafgerechtigkeit. Jesus ruft jeden in die Verantwortung: „Ich bin in Ordnung und das Gesetz gilt…“ so gesehen – so gesehen brauche ich jemanden, brauche ich Gott, um tatsächlich so zu werden, wie es Sein Gesetz vorschreibt, oder besser: vorschlägt.. Wenn so gesehen jeder am Gesetz scheitert – wer würde das nicht?! – dann braucht es doch wirklich den Heiland, einen, der uns Mut macht zu entdecken, wer wir wirklich sind!

- Die Pharisäer und Schriftgelehrten sind beschämt – und Jesus bückt sich ein zweites Mal, diesmal jedoch, um ihnen die Würde nicht zu nehmen. Was in dieser Situation geschieht, ist wirklich ein Wunder: Ankläger werden in Menschen verwandelt!

Ist das nicht etwas ungeheuer Neues? Eine Botschaft, die uns heute Mut machen kann, gerade in Situationen, in denen – gerade in unserer Gesellschaft – Menschen oft so gnadenlos miteinander umgehen!?

- Schauen wir kurz noch auf das Gespräch mit der Frau. Sie kam bisher gar nicht zu Wort. Um sie ging es eigentlich auch gar nicht. Aber jetzt geschieht Entscheidendes: „Auch ich verurteile dich nicht!“ Und der angefügte Satz muss im Sinne dieser unglaublichen Zuwendung Gottes verstanden werden: „Geh und sündige jetzt nicht mehr“ – das ist kein moralischer Appell nach dem Motto: Ab jetzt halte dich dran! Nein! Vielmehr: „Du wirst nicht mehr sündigen“ – du wirst nicht mehr an dir vorbei leben, was sündigen in der Tiefe bedeutet! Du bist frei. Schon der Kirchenvater Gregor von Nyssa sagte im 4. Jahrhundert: Sünde ist die Weigerung, wachsen zu wollen.

Frau, wachse, wachse als die, die du bist. Höre auf Gottes Stimme und du wirst wissen, wohin es geht!“.

Das ist doch auch heute ungeheuer neu! Die Erkenntnis Jesu überragt wirklich alles. Amen.

 

Fürbitten

Unser Herr Jesus Christus verkündet das Wort des Lebens, das wir in der Kirche und durch unser Leben bezeugen sollen. Ihn wollen wir bitten:

- Schenke uns ein Gespür für die Wirklichkeit unseres eigenen Versagens, damit wir uns von Dir die Vergebung zusprechen und uns so heilen lassen können.

- Begleite unsere Kommunionkinder, unsere Jugendlichen und alle, die sich in diesen Wochen auf Taufe und Firmung vorbereiten und lass sie erfahren, wie sehr Du ihren Weg begleitest.

- Lass uns durch unser Misereor-Opfer denen ein Zeichen der Nähe und Solidarität schenken, die sich angesichts ihrer Sorgen und Nöte und der Bedrohung ihrer Lebensräume von vielen verlassen fühlen.

- Gib uns den Mut, nicht nur die Fehler anderer zu verurteilen, sondern auch selbst zu eigener Verantwortung und Schuld zu stehen und damit den ersten Schritt zur Versöhnung zu wagen.

- Schenke unseren Verstorbenen, die du als Schöpfer ins Leben gerufen hast, das ewige Leben in deiner Gegenwart.

Denn bei dir ist Heil und Leben in Fülle. Dafür danken wir dir und preisen dich mit dem Vater im Heiligen Geist, heute und in Ewigkeit.

Pfarrer Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770