Kategorien &
Plattformen

Es ist zu spät.

Es ist zu spät.
Es ist zu spät.
© Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de

Schon wieder ist jemand, den ich kannte, an Krebs gestorben. Eine Frau Ende 50. Bis zum Schluss hat sie tapfer gekämpft und versucht, den Krebs zu besiegen. Aber: es war ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnte. Ein Weg, von dem alle wussten: Wahrscheinlich wird er kein gutes Ende nehmen. Sie wird am Ende sterben. Wir können nichts mehr tun. Es ist zu spät.  

Ähnlich geht es den Jüngern damals mit Jesus. Sie sehen sein Ende kommen und ahnen: es wird nicht gut ausgehen. Aber sie können nichts mehr tun. Am Schluss sehen sie ihn am Kreuz hängen, tot. Gefoltert, verspottet, verlassen. Es ist zu spät.

„Wie sollen wir das nur ertragen?“, haben sich die Jünger damals gefragt. Ihre Hoffnungen waren dahin, der, auf den sie alles gesetzt hatten, war tot. „Wie sollen wir das nur ertragen?“, frage ich mich manchmal, wenn ich die Nachrichten sehe: Amoklauf an einer Schule. Terroranschlag, Raketenangriff, Artensterben. Manchmal hab ich das Gefühl: es ist nicht mehr fünf vor zwölf für unseren Planeten. Es ist fünf nach zwölf, es ist schon längst zu spät. Wir können nichts mehr tun.

Das einzusehen ist erschreckend. Und es auszuhalten ist nicht nur schwer, es ist furchtbar. Am liebsten würde ich mich selbst trösten: Es wird schon wieder. Alles wird gut. Aber irgendwie funktioniert das nicht. Es fühlt sich an wie ein viel zu kleines Pflaster auf eine Wunde, die viel größer ist und immer wieder aufreißt und blutet.

Es ist zu spät.

Auch für unsere Kirche ist es zu spät. Es ist fünf nach zwölf. Zu der Ansicht kommt zumindest der Benediktiner und ehemalige Abt Martin Werlen aus Einsiedeln. Er hat ein Buch darüber geschrieben. Seine Diagnose lautet: Die Kirche, so wie wir sie kennen, ist am Ende. Es ist zu spät, hier und da ein paar Pflästerchen aufzukleben und zu sagen: Das wird schon wieder. Und er entdeckt Folgendes: Die Bibel voll von Situationen und Menschen, für die es zu spät ist. Diese Perspektive hat mich überrascht, aber es stimmt natürlich:

  • Abraham und Sarah zum Beispiel: die beiden waren schon über 90, als ihnen ein Sohn verheißen wurde. Die biologische Uhr war schon längst abgelaufen! Sarah musste sogar lachen, so absurd schien ihr die Idee. Natürlich war es schon längst zu spät für ein Baby.
  • Oder Lazarus: er war bereits gestorben, als Jesus dessen Schwestern Maria und Martha in Bethanien besuchte. Er trauerte und weinte um seinen Freund. Es war zu spät.
  • Es geht auch profaner: bei der Hochzeit zu Kana zum Beispiel passierte etwas, das für den Rheingauer an sich unvorstellbar ist: der Wein war alle! Eine Hochzeit ohne Wein ging nicht, damals wie heute. Jetzt noch irgendwo Wein her zu bekommen, dafür war zu spät.

Oder? Wir wissen, wie die Geschichte in Kana ausging: Jesus wandelte das Wasser zu Wein. Auch bei Lazarus machte Jesus das Unmögliche möglich: Lazarus kam nach drei Tagen aus seinem Grab und erwachte zu neuem Leben. Und Abraham und Sarah bekamen damals tatsächlich einen gemeinsamen Sohn, Isaak, wodurch Abraham zum Stammvater von ganz Israel wurde.

Und der Karfreitag?: Klar, wir wissen, dass Jesus auferstehen wird. Aber: die Jünger, die wussten das nicht. Und ich behaupte: auch Jesus wusste nicht, wie es weitergehen würde. Er verzweifelt ja am Kreuz: „Eli, Eli, lema sabachtani“, ruft er. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 14,34). Selbst Jesus, der Gottessohn, schreit nach Gott! Dann dürfen wir das auch.

  • Wir dürfen in unserer Kirche fragen: Missbrauchsskandal, schwindende Mitgliederzahlen, schwindende Begeisterung und Resignation bei Übrigen: Wo bist Du da, Gott?
  • Wir dürfen es fragen, wenn wir die Hoffnung verlieren, wenn wir der Menschheit beim Untergang zuschauen, wenn wir Zeugen von Krieg, Terror, Naturkatastrophen werden: Wo bist Du, Gott?
  • Wir dürfen fragen im Angesicht des Leids und der Not vieler Menschen, und im Angesicht unserer eigenen Sterblichkeit: Warum, Gott? Wo bist Du im Sterben und im Tod?

Und Gott antwortet: „Hier bin ich. Ich bin der, der da ist. Ich bin an eurer Seite. Und: Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben. (Jer 29,11) Gott geht mit.

Und was heißt das für unsere Kirche, für unseren Planeten, für unser Leben?

Der Benediktiner kommt in seinem Buch zu einem verblüffenden Schluss: Wenn es fünf nach zwölf ist, wenn es zu spät ist, dann entlastet das. Wir brauchen uns nicht mehr abzustrampeln, um noch zu retten, was zu retten ist - denn es gibt nichts mehr zu retten. Wir können nichts mehr tun. 

Dabei geht es ihm weder um Resignation noch  um ein frommes Vertrösten nach dem Motto: „Gott wird schon wieder alles heile machen.“, sondern darum: Es gibt Hoffnung, weil Gott mit uns durch die Zeit geht. Er war bei uns um fünf vor zwölf und er ist auch bei uns um fünf nach zwölf. Er ist da, immer.

Als Jesus stirbt, betet er: „Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist“, so erzählt es das Lukasevangelium (Lk 23,46). Er erkennt: es ist zu spät. Er stirbt – und lässt er los.

Die Frage an mich ist: Kann ich das auch? Bin ich bereit einzusehen, wenn es zu spät ist? Oder: klammere ich mich an das, was mir lieb und teuer ist: mein Leben, meine Wünsche und Hoffnungen, liebgewonnene Traditionen? Traue ich mich, Gott das Ruder überlassen? Kann ich sagen: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“?

Ich finde das schwierig. Ich fühle mich ja verantwortlich: für die Menschen, die mir anvertraut sind. Für die Welt um mich herum und für die Vorstellung, die ich von einer heilen Welt habe, für mich selbst – und auch für meine Kirche. Ich muss doch was tun! Aber ich glaube: Es geht gar nicht darum, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Es geht einfach darum, zu sehen, wann es nichts mehr zu tun gibt. Wann meine Kräfte erschöpft sind. Wann es schlicht zu spät ist. Es geht darum, das zu sehen, was ist, es anzunehmen und dann loszulassen.

Als die Frauen am Ostermorgen ans Grab kommen, sind sie bereit, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Jesus war gestorben und sie waren gekommen, um den Leichnam zu balsamieren. Hätten sie damals den Tod nicht wahrhaben wollen und hätten sie so weitergemacht wie bisher,  dann wären sie nie zum Grab gekommen und hätten folglich nie die Osterbotschaft gehört – und wir auch nicht.

Aber: Ostern können wir nicht ohne Karfreitag feiern. Gottes Kraft zeigt sich eben nicht erst am Ende in triumphalistischer Erhabenheit, im siegreichen Auferstehen vom Tode. Nein! Jesus hat gelitten! Er ist gestorben! Gottes Kraft zeigt sich darin, dass er gerade dann mitgeht, wenn es schon längst zu spät ist. Wenn wir daran glauben und darauf vertrauen können, wird ein neuer Anfang, ein Aufbruch, eine Auferstehung möglich: Für unsere Kirche, unsere Welt, uns selbst.

Karfreitag bedeutet: Ja, es ist zu spät. Aber das heißt noch lange nicht, dass es vorbei ist.

Anke Jarzina