27.03.2026
Warst Du da, warst du da, als sie meinen Herrn kreuzigten?
Liebe Schwestern und Brüder,
wieder einmal: Beginn der Karwoche. Wir wissen, wie das abläuft und überlegen möglicherweise, welche Gottesdienste wir besuchen und welche nicht. Sicher haben wir auch schon Überlegungen dazu angestellt, wie und mit wem wir dieses Fest selber verbringen wollen und werden.
Aber wie steht es um das Wichtigste?
Wenn das Neue Testament von der Botschaft der Passion Jesu spricht, dann kommen immer zwei zentrale Themen vor: ER, Christus, litt und starb – und: für uns, für unsere Sünden!
Diese beiden Dinge gehören zusammen, nur so „begreife“ ich, was da geschehen ist. Wir, und damit meine ich dann jeden Einzelnen von uns, begreifen das, was da geschehen ist, erst und nur dann, wenn auch ich mich als Verursacher der Passion verstehe. Sonst bleibt das alles letztlich ein leeres und zeitraubendes liturgisches Theaterstück!
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand unter den versklavten Schwarzen in den Südstaaten der USA der Spiritual „Where you there, were you there, when they crucified my Lord“ – warst du da, warst du da, als sie meinen Herrn kreuzigten?
In Gethsemani und auf Golgatha lastete auch mein Sündenpaket auf der Schulter Jesu, trieb Ihm den Angstschweiß auf die Stirn und ließ Ihn schließlich sagen: „Ihm zuliebe, ihr zuliebe, will ich es tragen, wegtragen …! Kardinal Raniero Cantalamessa, der Prediger des Papstes, brachte es einmal auf den Punkt: Wenn ich höre, dass Jesus auch für meine Sünden gestorben ist, dann kann und muss der Satz eben auch lauten: Ja, ich habe Jesu von Nazareth gekreuzigt! Dies drückte schon Petrus in seiner ersten Pfingstpredigt aus, als er den versammelten dreitausend Menschen sagte: „Ihr habt Jesus gekreuzigt!“ (vgl. Apg 2,36).¹
Warst du da, als sie IHN kreuzigten – ja, auch ich war da, auch ich war da…
Liturgie ist keine Erinnerung – Liturgie versetzt uns in das Geschehen, das wir hören, wir sind Teil davon, haben Teil daran. Und so kann ich heute und in den kommenden Tagen nur darum bitten, dass ich erschüttert werde wie der römische Hauptmann unter dem Kreuz (vgl. Mt 27,54).
Jesus litt und starb für uns – und ER tat das, damit wir, damit ich befreit werde! Befreit zu einem neuen Leben! Zu einem Leben, das gezeichnet ist von dem tiefen Vertrauen, dass mein ganzes Leben von Ihm begleitet und getragen ist. Der Grund dafür, dass wir Menschen uns viel zu oft für das Böse entscheiden, liegt ja letztlich in der Angst begründet: in der Angst, zu kurz zu kommen, nicht gesehen zu werden, zu scheitern, übervorteilt zu werden. Wozu das führt sehen wir auf Golgatha – und wir sehen es in unserer aktuellen Gegenwart: hier bei uns, in unserem Umfeld, in unserer Welt.
Der Beginn der Veränderung, der Heilung, beginnt hier: bei und mit mir! Und: Das ist keine moralische Entscheidung! Es geht nicht darum – bzw. das reicht nicht! – mir zu sagen: ab heute will ich besser sein, gut, liebevoll, aufmerksam. Um was es geht ist eine Beziehung! Die Beziehung zu IHM, der in mir immer mehr Raum greifen will. Der mich dazu einlädt, aus dieser Freundschaft zu Ihm zu leben, mich daran zu freuen, darauf zu vertrauen, dass ich an Seiner Hand geborgen bin – gerade auch im Schweren und im Leid, in der Angst und Unsicherheit. Kurz: dass ER sich sorgt, kümmert!
Denn auch das drückt dieser berührende Spiritual aus: Gottes Leiden am Leid der Welt betrifft auch all das, was in meinem Leben leidvoll ist: Gott sagt mir durch Jesus gerade in diesen Tagen, wie sehr ER dabei ist, mitten drin in all dem, was mich traurig macht, schmerzvoll ist. Je mehr ich mich dabei mit Ihm verbinde und es zulasse, dass ER sich mit mir verbinden darf, um so mehr darf ich darauf vertrauen – oder besser: wissen, denn Freunde wissen umeinander! – dass Sein Weg auch der meine sein wird. Der Weg, der im Morgengrauen an einem Grab begann …
„Warst du da, als sie meinen Herrn kreuzigten?“
Amen.
¹ Vgl. Raniero Cantalamessa, Rifulge il mistero della croce, Ancora 2014, 7ff.
Where You There
Mehr Informationen, sowie den vollständigen Text des Spirtuals finden Sie unter anderem in der englischen Wikipedia unter Where You There. Nebenstehend haben wir Ihnen eine Tonaufzeichnung beigefügt.
Fürbitten
Herr Jesus Christus, zu Beginn der Heiligen Woche, in der Du uns mitnimmst auf den Weg Deines Leidens und Deiner Auferstehung, um uns Versöhnung und neues Leben zu schenken, kommen wir mit unseren Bitten zu Dir:
- Wir bitten Dich für Deine Kirche und alle Getauften: Dass wir durch die Feier dieser Tage verwandelt werden und neu daran glauben, dass der Vater uns liebt und aus dem Tod in das Neue Leben führen möchte.
Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung - Wir bitten für alle, die in dieser Zeit des Krieges in der Ukraine, im Heiligen Land, im Iran und vielen anderen Ländern in besonderer Weise Verantwortung in Politik und Gesellschaft tragen: Hilf ihnen, konsequent und glaubwürdig Schritte des Friedens und der Versöhnung zu gehen, damit so das Leid so vieler beendet wird.
- Zu Beginn der Heiligen Woche bitten wir auch für die Stadt Jerusalem: Um gegenseitiges Verständnis, Versöhnung und Frieden für die unterschiedlichen Religionen und Kulturen, denen diese Stadt und das Land heilig sind.
- Für diejenigen, die an diesen Tagen hilflos an Kreuzwegen anderer stehen oder eine eigene Leidenszeit durchleben müssen: Stärke ihr Vertrauen in Dich.
- Wir bitten Dich für unsere Verstorbenen: lass sie im Himmlischen Jerusalem ewigen Frieden finden.
Denn in Dir erkennen wir die Liebe des Vaters, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Amen.