05.04.2026

Ich sehe!

Predigt von Pfr. Dr. Robert Nandkisore an Ostern 2026 (Lesejahr A)

Liebe Schwestern und Brüder,

können wir es auch sagen: Ich habe Ihn gesehen?! Können wir denen, die ungläubig oder zumindest desinteressiert von der Osterbotschaft hören, sagen: Ich habe Ihn gesehen!?

Oder andersherum gefragt: warum eigentlich nicht? Warum sehen wir das Offensichtliche nicht: dass ER lebt, auferstanden ist, hier, jetzt?

Sehen – um dieses Wort dreht sich in der Osterbotschaft alles! Es gibt die, die sehen und die, die sehen und doch blind sind, die nicht tiefer blicken können oder wollen!

- Darin unterscheiden sich auch die beiden Jünger Petrus und Johannes, von denen erzählt wird. Zuerst sehen sie das, was klar vor Augen ist: Das Grab ist geöffnet, es ist leer. Petrus tritt vor und sieht sich alles genau an. theoreo) heißt es da, genau hinschauen, prüfen, abwägen – unser Wort „Theorie“ kommt da her. Er sieht, versucht sich die Sache zu erklären: dass die Leinenbinden dort liegen und das Schweißtuch schön zusammengefaltet an einer besonderen Stelle. Nach einem überhasteten Raub des Leichnams sieht das nicht aus! Wie ist das alles zu erklären?

Nun geht auch Johannes hinein. Bei ihm ist es anders. Auch er sieht - /horao – aber anders: nicht analytisch, alles in kleine Teile zerlegend! Johannes sieht das Ganze, er sieht das Neue! Hat er andere, besondere Fähigkeiten? Ihn zeichnet eine Haltung aus und der Evangelist – er selbst! – hat das am Anfang der Osterbotschaft noch einmal sehr deutlich benannt: Er ist derjenige, den Jesus liebte: Freundschaft ist hier gemeint und eine solche ist immer gegenseitig. Freundschaft erlaubt uns, nicht nur die Dinge zu sehen, die andere auch sehen, sondern eben auch die Zeichen der Nähe und Sympathie, die andere nicht sehen, wahrnehmen können. Liebe, Freundschaft lässt anders sehen – das weiß doch jeder, das ist doch sonnenklar! Johannes sieht das gleiche wie Petrus, aber er erkennt einfach mehr – er erkennt das Zeichen, das Jesus ihm hingelegt hat: das zusammengelegte Schweißtuch! Er erinnert sich an die Auferweckung des Lazarus: dort musste der Verstorbene mühsam ausgewickelt werden und kehrte in das alte Leben zurück. Hier ist es anders – neu!

- Bei Maria von Magdala ist es ganz ähnlich: auch sie sieht erst einmal das, was die anderen auch sehen. Dann, als zwei Engel im Grab sichtbar werden, sieht sie und sieht doch nicht. Wie Petrus hat sie einen prüfenden, forschenden Blick. Sie erkennt die Engel wohl nicht, sonst wäre ihre Reaktion ganz anders. Zwei Gestalten erblickt sie und ist dabei so tränenverschleiert, dass sie mehr nicht erblicken kann!

Dann kommt Jesus selbst ins Spiel: sie sieht und sieht doch nicht! Ein Wort erreicht sie, ihr Name. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist ihre Bereitschaft, wirklich zu hören, was sie hört. Der Evangelist berichtet zwei Mal kurz hintereinander, wie sich Maria „umwendet“: Das erste Mal dreht sie sich um, um diesen noch Unbekannten zu sehen. Das zweite Mal „wendet sie sich Ihm zu“: sie ist bereit zu erkennen, was ihr Auge nicht sieht! Und genau das wird sie dann den Jüngern im Abendmahlssaal sagen: Ich habe den Herrn gesehen! Sie sieht genau so, wie vor ihr Johannes auch gesehen hat.

Liebe Schwestern und Brüder, können wir es auch sagen: dass wir sehen? Dass wir IHN sehen, den auferstandenen Christus in unserer Mitte, in unserem Leben?!

Durch den Ostermorgen vor 2000 Jahren ist etwas grundsätzlich Neues in die Welt gekommen – etwas, dass sich jeden Tag, ständig, unaufhörlich neu ereignet: Dass ER da ist, unter uns, sichtbar für die, die sehen können und wollen.

Ein Schlüssel dafür ist die Freundschaft mit Jesus: Er ist kein „Objekt“ kein Ding und keine Sache, sondern eine Person, die mir näher sein möchte als jeder andere. Wenn ich Ihm vertrauen kann, vertrauen will, dann werde ich mehr und mehr Zeichen Seiner Gegenwart sehen – gerade in meinem Alltag: eine Begegnung, ein Wort, ein Ereignis, ein „zusammengefaltetes Schweißtuch“ lassen mich erkennen, lassen mich wissen, dass ER da ist, lebt. Und noch etwas braucht es von meiner Seite, gerade dann, wenn ich wie Maria von Magdala durch einen Schicksalsschlag aus der Fassung gerate: die Bereitschaft, mich umzuwenden, mich Ihm zuzuwenden, der mir möglicherweise auf völlig ungewohnte Weise begegnen will: als ein Gärtner, ein unerwartetes Ereignis, ein Ende und Abbruch. Er tut es so, weil etwas Neues auf mich wartet, Leben. Mit IHM.

Trauen wir uns – trauen wir uns, diese Erfahrung zu machen: Ich habe Ihn gesehen. Es ist Ostern.

Amen.

Fürbitten

Unseren Herrn Jesus Christus, den der Vater von den Toten auferweckt hat und uns alle mit neuem Leben beschenken will, bitten wir:

  • Wir bitten Dich für Deine ganze Kirche: Dass wir aus der Feier dieser Tage die Kraft und die Freude für ein glaubwürdiges Leben in der Nachfolge und im Liebesdienst am Nächsten schöpfen.
    (Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat)
  • Für diejenigen, die wie Maria von Magdala oder die Jünger tief erschüttert wurden, am Leben und auch an Dir verzweifeln: schenke ihnen neu die Erfahrung Deiner Gegenwart und Begleitung.
  • Wir bitten um den Frieden in unserer so unfriedlichen Welt; darum, dass die Gräben des Hasses überwunden werden können, die Vergebung dem Hass weicht. Hilf uns, tatkräftig daran mitzuwirken, dass Dein Reich unter uns wachsen kann.
  • Wir bitten darum, dass wir es mehr und mehr wagen, von unseren Erfahrungen mit Dir gerade denen zu erzählen, die nicht an Deine Wegbegleitung und ein Leben in Fülle glauben können.
  • Wir bitten Dich auch für unsere Verstorbenen: Lass sie das neue Leben in Deiner Gemeinschaft erfahren.

Allmächtiger Vater, in Deinem Sohn hast Du uns alles geschenkt. Dir sei Dank, der Du mit ihm und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in alle Ewigkeit.

Amen.

Die verschiedenen Texte an Ostern des Lesejahres A finden Sie online im Schott der Erzabtei Beuron und beim Evangelium in leichter Sprache.

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