03.04.2026
Beim Kreuz stehen
Liebe Schwestern und Brüder,
Du wirst einen Sohn gebären. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Seine Herrschaft wird kein Ende haben Quelle: Evangelium nach Lukas 1,31ff
Mit der Bereitschaft, dieser Botschaft des Engels zu glauben, band sich Maria an Gott. Einfach war dies sicher nicht. Viele Jahre lebte sie mit Ihm in der Verborgenheit von Nazareth, bis Er sich aufmachte, um Seine Sendung zu leben. Auch für sie war das nicht immer einfach und sie musste viel lernen. Doch in all den Wundern und Zeichen, die durch Ihn geschahen, wusste sie, dass Gott treu war, dass Seine Versprechen Gültigkeit haben.
„Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter“, hörten wir eben bei Johannes. Das heißt aber auch, dass Maria in diesen Tagen mit Jesus und Seinen Jüngern in Jerusalem war. Sie erlebte das ganze Drama mit, die öffentliche Verhandlung vor Pilatus, das Schreien der Menge nach „Barabbas“ und das „kreuzige ihn!“, das ihrem Sohn galt. Was muss sie da durchgemacht haben, welche Hoffnungen hegte sie, dass, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, doch noch alles gut ausgehen würde?! Bis hin zum Kreuz – sie stand da mit anderen Frauen und Johannes. Eine unter anderen. Und doch war ihre Gegenwart anders als die der anderen.
Ich denke an Beerdigungen junger Menschen, die ich begleiten konnte. So wie kürzlich die eines jungen Mannes. Die Betroffenheit und Trauer der Gemeinde war nicht nur auf die Urne gerichtet, sondern ihr mitfühlender und trauernder Blick richtete sich ebenso sehr auf die Mutter. Als sie die Urne ihres einzigen Sohnes zum Grab trug, gab es eigentlich keinen Unterschied zu Maria, die ihren toten Sohn im Schoß hielt!
Was ging Maria da alles durch den Kopf – durch das Herz? Welche Verzweiflung angesichts des Schreis ihres Sohnes: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“? Wusste sie, dass das der Beginn eines Gebetes war?
War das Kreuz der „Thron“, von dem der Engel bei der Verkündigung gesprochen hatte? Warum benutzt Gott solche Bilder, um uns dann zu narren, unsere Hoffnung zu täuschen? Wieviele Menschen standen seither unter Kreuzen und betrauerte nicht nur verlorenes Leben, sondern auch verlorenen Glauben in einen Gott, von dem sie anderes erhofften?
Ja, wer heute bei einem Kreuz steht, der steht auch bei Maria, der Mutter der Glaubenden – und sie mit ihm, denn Jesus selbst hat ihr gesagt: „Siehe, dein Sohn – siehe deine Tochter!“ Wer mit Maria beim Kreuz steht, steht nicht allein. Er steht bei einer Frau, der bei der Verkündigung gesagt wurde: „Für Gott ist nichts unmöglich“! Das waren die gleichen Worte, die lange vor ihr ein Vater des Glaubens gehört hatte, Abraham, als ihm ein Sohn verheißen wurde (vgl. Gen 18,14 und Lk 1,37). Beide wurden in ihrem Leben durch eine große Finsternis geführt, beide waren gezwungen, ihre Söhne loszulassen! Vorbilder sind sie für uns, weil sie dort, wo andere – wo wir? – den Schritt in die Verzweiflung gehen würden, der Hoffnung Raum gegeben haben: der Hoffnung, dass Gott treu ist, dass wir in der Hoffnung auf Ihn von Ihm nicht getäuscht werden, der uns in Seinem Sohn „Freunde“ nennt!
Der Karfreitag mutet uns und unserem Verhältnis zu Gott viel zu: Es kann sein, dass für mich, für dich die Stunde kommt, in der wir mit Maria nur noch schreien möchten: „Vater, ich verstehe dich nicht mehr! Aber hilf mir, dir trotzdem zu vertrauen!“ Vielleicht bittet Gott jemanden von uns, wie Maria ihren Jesus, wie Abraham seinen Jakob loszulassen: eine geliebte Person, eine Sache, eine Arbeit, die eigene Gesundheit, ein Lebensprojekt, für das er sich das ganze Leben einsetzte. Dies erscheint so sinnlos, so lieblos. Unser ganzes Vertrauen in einen Gott, der Seine liebende Hand über uns hält, scheint sich dabei aufzulösen.
Gebe Gott, dass ich dann sehe, wer mit mir am Kreuz steht – weil ER sie gebeten hat, es zu tun. Damit ich am Willen des Vaters nicht verzweifle, den ich nicht immer verstehe. Zumindest nicht am Karfreitag.
Amen.