02.04.2026
Auch ihr seid rein – aber nicht alle!
Liebe Schwestern und Brüder,
dieser Satz lässt mich nicht los: „Der Teufel hatte Judas Iskariot schon ins Herz gegeben, ihn (Jesus) auszuliefern“ (Joh 13,2). Judas: einer der Zwölf, einer derjenigen, der zum engsten Kreis um Jesus gehörte; einer, der über drei Jahre Jüngerschaft gelernt hatte, worauf es Jesus ankam; einer, den Jesus zu Seinen Freunden zählte. „Freund, dazu bist du gekommen?“, fragt Jesus ihn nach dessen Kuss bei der Gefangennahme im Garten Getsemani.
Jesus wusste um den Verrat, darin sind sich alle vier Evangelien einig. Was nicht bedeutet, dass es Ihn nicht überraschte!
Bereits an Palmsonntag durfte ich mit einigen von Ihnen darauf schauen, welchen Anteil jeder von uns an der Kreuzigung Jesu hat – „heute“, denn Liturgie ist kein Erinnerungsspiel, sondern es geschieht „jetzt“, was da erzählt wird.
Von einem Mahl und der Fußwaschung erzählt uns der Evangelist Johannes. Beides geschieht heute auch hier, jetzt gleich. Die Verwunderung, ja die Skepsis der Jünger gegenüber der Fußwaschung ist jedes Jahr auch bei den Gemeindemitgliedern zu spüren, die sich bereit erklären – oder überredet werden – dies an sich geschehen zu lassen. Petrus bringt es so gut auf den Punkt: „Du, Jesus, sollst das nicht tun – nicht mir gegenüber!“ Doch Jesus insistiert – und Er tut das heute bei jedem von uns: „Du sollst Teil von mir sein – und das geht nur, wenn Du rein bist, wenn ihr rein seid!“ (vgl. 13,10f.)
Wie können wir das verstehen? Was meint „rein“ und wieso ist Petrus „rein“, Judas aber nicht? Nehmen wir das Bild einer Fensterscheibe: Sie lässt das Licht ins Zimmer, wir säßen sonst im Dunklen. In diesen Frühlingstagen merken wir aber auch: Wenn nach dem langen Winter wieder so richtig die Sonne scheint, wird der Schmutz auf den Scheiben erst richtig sichtbar!
Die Nähe Jesu verändert, oder besser: sie lässt sehen, was ist. In Seiner Nähe entdecke, erkenne ich immer mehr, wer ich selber bin! Seine Botschaft vom Reich Gottes, Sein Aufruf zur Nächstenliebe, zur Vergebung, die Bergpredigt mit den Seligpreisungen: Würde ich mich damit nicht auseinandersetzen müssen, würde ich nicht spüren, welche Widerstände diese Worte in mir auch hervorrufen! In Seinem Licht erkenne ich meine Dunkelheiten, meine Abwehr, meine Skepsis gegenüber einer solchen Botschaft. Die Gruppe der zwölf Jünger ist sehr unterschiedlich und kaum einer hat sich rund um die Passion mit Ruhm bekleckert. Das Unverständnis gegenüber dem freiwilligen Leiden des Herrn war nicht nur bei Judas zu finden. Auch bei Petrus gab es Verrat – doch anders als Judas fand er den Weg zu Jesus zurück, war er bereit daran zu glauben, dass Jesu Liebe größer ist alle persönliche Schuld! Auch Petrus musste sich sagen lassen: „Weg von mir Satan, hinter mich, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will!“ (vgl. Mt 16,23). Auch er wurde versucht, aber er war immer wieder bereit, umzukehren, neu zu lernen, umzudenken – auch nach Ostern! Er wurde so immer mehr zu dem, der er wirklich war und was seine Sendung ausmachte: zum Fels!
Liebe Schwestern und Brüder, Ostern zu feiern kann ein rein äußeres Ereignis sein. Aus dem Osterfest zu leben ist etwas anderes: Es bedeutet, mich gerade in diesen Tagen neu von Ihm „reinigen“ zu lassen. Jeder und jede von uns ist auf eine besondere Weise einmalig: Im Bild eines Kirchenfensters können wir sagen, dass jeder eine ganz eigene Farbe hat. „Rein“ zu sein bedeutet, dass Christus durch mich in einem besonderen Licht, einer besonderen Farbe zum Strahlen kommt.
Dies nicht zu wollen, mich dem zu versagen bedeutet, „unrein“ zu sein. Judas war das wohl eine ganze Zeit lang nicht bewusst und er wusste nicht, wie er mit den Andeutungen Jesu umzugehen hatte. Hätte er sich länger mit Jesus unterhalten, Ihm seine Fragen und Zweifel anvertraut, wäre es wohl anders gekommen. Als es ihm bewusst wurde, nach der Gefangennahme Jesu, gab es für ihn nur den Weg, sich selbst zu erhängen. Wie wenig kannte er Den, der ihn „Freund“ nannte! Wie sehr hatte er sich dem Dunklen überlassen, dem also, der der ewige Widersacher ist?!
Unsere Welt, gerade heute, braucht uns Christen. Christus möchte durch uns in dieser Welt, auch in unserer Gesellschaft, Heilung und Versöhnung bringen. „Rein“ zu sein ist keineswegs nur eine persönliche Frömmigkeitsübung. Mehr und mehr geht es um das Überleben eines menschlichen Miteinanders. Dafür stärkt Er uns in dem Mahl, das ER heute stiftet – auch, um Menschen in Seinem Namen zu dieser Reinigung einzuladen, ihnen “die Füße zu waschen“.
Amen.
Fürbitten
Jesus Christus liebt uns bis zur Vollendung. So dürfen wir bitten:
- Schenke allen Christen durch die Feier dieser Tage die Bereitschaft und die Kraft, weltweit Deine Botschaft zu verkünden: Dass der Vater uns liebt und Schuld vergibt, das Er jeden gerade in seiner Einmaligkeit annimmt und uns zu einer Freundschaft einlädt, die uns heilen und „rein“ machen möchte.
- Wir bitten in diesen Tagen um den Frieden in dieser so unfriedlichen Welt: in der Ukraine, dem Heiligen Land, im Libanon und dem Iran. Wir bitten für alle, die sich für Versöhnung einsetzen; für alle, die den Flüchtlingen nahe sind; für alle an Körper und Seele Verletzten.
- Wir bitten Dich für alle, die an der Last des Lebens zu zerbrechen drohen; für die, die der Lebensmut verlassen hat; für die, die wir nur Deiner Sorge anvertrauen können; und für alle, die nicht glauben können, dass sie bei Dir willkommen sind.
- Für alle Priester Deiner Kirche, die am heutigen Tag das Geschenk Ihrer Berufung feiern: Lass sie in Dankbarkeit in Deinem Dienst treu bleiben und hilf ihnen, den Gläubigen Deine Nähe glaubhaft zu vermitteln.
- Wir bitten dich für unsere Verstorbenen, die wir schmerzlich vermissen und die, an die keiner mehr denkt: Vollende sie bei Dir und lass sie teilhaben an der ewigen Mahlgemeinschaft in Deinem Reich.
Allmächtiger und barmherziger Vater, in Deinem Sohn offenbarst Du Deine große Liebe zu uns. Dir sei Dank, der Du mit ihm und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in alle Ewigkeit.
Amen.