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Wozu braucht man uns – oder: ein anderes Leben ist möglich

Predigt von Pfr. Nandkisore am 3. Sonntag der Osterzeit 2021
Wozu braucht man uns – oder: ein anderes Leben ist möglich
Wozu braucht man uns – oder: ein anderes Leben ist möglich
Joujou in pixelio.de
  • Evangelium - Frohe Botschaft

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  • Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,

ich möchte gleich mit der provozierenden Frage anfangen: Wozu braucht es uns, braucht es die Kirche eigentlich? Wir sagen und behaupten, dass wir wichtig sind. Aber: wozu?

- Die Jugendorganisation der FDP, die Jungen Liberalen, hat kürzlich ein Programm herausgebracht, in dem sehr deutlich gefordert wird, den Kirchen alle Privilegien zu nehmen, die Feiertagsruhe abzuschaffen, Kirchensteuer nicht mehr über den Bund einzuziehen und auch den konfessionellen Religionsunterricht an den Schulen zu beenden. Kirche sei eine Gruppierung wie jede andere auch und müsse sich in den Chor der Mannigfaltigkeit unseres Landes eingliedern.

Der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, hat in diesen Tagen offenbart, wegen der Missbrauchsskandale vor einiger Zeit aus der Kirche ausgetreten zu sein. Dennoch haben für ihn die Kirchen eine „wichtige soziale Funktion“, denn sie könnten in unserer Gesellschaft ein wichtiger sinnstiftender Gegenpol für eine Gesellschaft sein, in der es nur um Macht und Geld gehe.

Das klingt zwar besser als bei der FDP, macht meine Frage aber noch dringlicher: Wozu braucht es uns?

- Jetzt schaue ich noch einmal auf die drei Lesungen des heutigen Tages. Da höre ich: „Tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden“ (Apg 3,19); „Er (Christus) ist die Sühne für unsere Sünden“ (1 Joh 2,2); und Jesus sagt im Evangelium: „In seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden“ (Lk 24, 47). Oje! Ist das die biblische Begründung dafür, warum wir wichtig sind? Dann kann man irgendwie verstehen, dass wir uns davor drücken, dazu etwas zu sagen, oder? „Sünde“ – dieses Wort ist bei uns so stark belastet. Und: in der Regel wird es rein moralisch verstanden: Du hast etwas Falsches getan! Und für uns belastend: mit viel Aufmerksamkeit auf das Gebiet der Sexualität! Sünde und Sex gehören in katholischen Köpfen oft zusammen! Oft haben wir uns so sehr auf die „heißen“ Sünden konzentriert, dass die wahren Anliegen Jesu dabei völlig aus dem Blick gerieten!

- Sein Anliegen, wir hörten das eben im Evangelium: Es braucht die Botschaft, damit Sünden vergeben werden können. Biblisch gesehen – und wir sollten daran Maß nahmen – ist Sünde die Haltung des Misstrauens gegenüber Gott; es ist die Haltung des Beherrschens und nicht des Dienens; es ist die Einstellung des „es nutzt mir“ und nicht „es dient uns allen“. Diese Haltung brachte und bringt Unordnung in die Welt – wer würde das nicht sehen?! Und doch sehen es viele nicht, weil sie den menschlichen Egoismus irgendwie als ein menschliches Grundgesetz ansehen. Nein, es geht anders, ein anderes Leben ist möglich und ein solches Leben hat Einfluss auf die Welt und auf andere.

Was uns dabei Angst macht: Ich könnte dabei Schaden leiden, Nachteile in Kauf nehmen. Ja, das ist richtig. Immer wieder zeigt sich Jesus – so auch im heutigen Evangelium – Seinen Jüngern mit den Wundmalen an Händen und Füßen: „Seht meine Hände und Füße!“ Wer würde vor Nachteilen nicht zurückschrecken, gar vor Wunden?! Seht mich an, sagt Jesus Seinen Jüngern, sagt ER uns, das hat keine Macht. Im Gegenteil: es führt zum Segen, es dient dem Leben, es fördert das Leben!

- Dafür braucht es uns: als Zeugen dafür, dass ein anderes Leben möglich ist, ein Leben, das auch vor Nachteilen nicht zurückschreckt und dem Ganzen, dem Wohle aller dient. Ja, auch ein Leben, das mir Wunden zufügt – und derentwegen ich mich nicht schäme! Das ist ein Leben, das eben nicht von der „Sünde“ beherrscht wird, dem eigensüchtigen Kreisen um sich selbst und Gott nicht zutraut, dass ER in Seiner Vorsehung weiß, was wir, was ich brauche. „Damit ihre Sünden vergeben werden“, damit Menschen beginnen und wagen, anders zu leben, zu handeln und zu denken.

An der Position der Jungen Liberalen sehe ich, was wir nicht deutlich genug gemacht haben und was menschliches Miteinander im Sinne Jesu bedeutet. An der Äußerung Karl Lauterbachs wird mir deutlich, dass Sinnstiftung allein nicht reicht: Es braucht die kraftvolle Vision eines gelingenden und wahrhaft humanen Miteinanders.

In alter Sprache heißt das „Sündenvergebung“. In neuer Sprache – seien wir erfinderisch! Drücken wir es aus mit unserem Handeln, unserer Haltung, unserem Sprechen. Das wird Früchte tragen, denn es ist Ostern.

Amen.

 

Fürbitten

In unserer Bedürftigkeit rufen wir zu Jesus Christus. Unsere Anliegen sind ihm nicht fremd und unsere Nöte brauchen wir vor ihm nicht zu verbergen:

- Für alle Getauften: Lass uns neu den Mut finden, ein „anderes“, ein „neues“ Leben zu leben, das Maß nimmt an Dir und so den Menschen unserer Tage eine Hilfe für gelungenes Leben sein.

(Christus, höre uns – Christus, erhöre uns.)

- Für die, die nicht nur jetzt in der Pandemie in vielfältiger Weise ihren Dienst an der Gemeinschaf tun und oft nicht spüren, welchen Wert ihr Tun hat: Lass sie erkennen, dass ihr Einsatz zählt.  

- Für alle Bedürftigen unter uns und in dieser Welt, lass sie offene Augen, aufmerksame Ohren, zärtliche Hände und weite Herzen finden.

- Für alle, die in Nacht und Ausweglosigkeit leben: Lass sie Menschen finden, die ihre Sorgen hören und verstehen und gemeinsam mit ihnen auf einen neuen Morgen hoffen.

- Für unsere Verstorbenen (besonders für...): Zeige Dich ihnen als der, der sie in das neue und befreite Leben bei Dir führt.

Treuer Gott, Du liebst die Menschen. Lass deine Liebe in der Welt aufscheinen und erhöre unser Bitten, durch Christus unseren Herrn.

Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770

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