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"Ruf zur Entschiedenheit - oder: Von der wahren Freiheit"

Predigt von Pfr. Nandkisore am 23. Sonntag im Jahreskreis (08.09.2019)
"Ruf zur Entschiedenheit - oder: Von der wahren Freiheit"
"Ruf zur Entschiedenheit - oder: Von der wahren Freiheit"
© Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,

ob nun Jesus-Wort oder nicht – als spontane Reaktion kommt mir in den Sinn: Nein! Das kann Jesus nicht verlangen – und wenn doch: Dann kann, dann will ich Ihm da nicht folgen! Menschen gering achten, gerade die, die mir nahe stehen oder es sollten, bis hin zum meinem Leben?! Gering achten, im Original steht sogar misew, hassen! Geringschätzung anderer – das macht doch gerade unser Zusammenleben so schwer! Geringschätzung meiner selbst – das scheint die Krankheit so vieler, die sich in vielem zeigt!

- Geringschätzung, sich und andere: Viele andere Worte Jesu sprechen von etwas anderem, vom Gegenteil: Wenn ER die Pharisäer angreift, die sich durch eine Opfergabe von ihren Verpflichtungen gegenüber den Eltern freikaufen wollten; oder gegenüber der Haltung des Pharisäers im Tempel, der sich gegenüber einem Zöllner als moralisch höher stehend verstand.

Jesus, der gerade denen nahe stand, die gering geschätzt wurden, die sich selbst nicht aufrichten können, und der uns einlädt, Ihm in dieser Haltung nachzufolgen – wie können wir dieses Wort heute verstehen?

Eine Hilfe ist die Parallele bei Matthäus: Dieser Evangelist war Judenchrist, also einer, der Griechisch sprach und dabei den hebräischen Hintergrund der Worte Jesu verstand und mitdachte – anders, als das Lukas konnte, der Heidenchrist war. Matthäus spricht davon, andere „lieber zu haben“ als Jesus. Es geht also nicht um eine Abwertung – anderer, meiner selbst – sondern um mein Verhältnis zu Jesus, denn: Es geht um den Ernst der Nachfolge, darum also, was für ein „Salz“ wir auf und für die Welt sind, denn mit diesem Satz erst schließt die heutige Erzählung.

- Jesus befreit und Er ist deutlich: Wenn du mir nachfolgen willst, muss für dich klar sein, was für dich „höher“ steht, denn sonst wird die Nachfolge in Freiheit nicht möglich sein: Halte ich es aus, auch dann für die Botschaft Jesu Partei zu ergreifen, wenn mir das – bis in die eigene Familie hinein – Nachteile bringt? Versöhnen, Schutz des Schwächeren, Teilen der Güter …? Jesus macht klar, wohin Sein Weg führt und ER lässt Seine Jünger darüber nicht im Unklaren, was ihnen in der Nachfolge blühen könnte. Darin unterscheidet ER sich von allen Bauernfängern aller Zeiten! Reichen deine Mittel für diesen Turmbau, für diesen „Krieg“?

- Jesus ist der Befreier und ER möchte solch‘ freie Menschen in der Nachfolge. Solche, die eigene Urteile bilden können und darauf vertrauen, dass der Heilige Geist, den sie in ihrem Leben empfangen und begrüßt haben, ihnen die Worte und Taten eingibt, die jetzt im Sinne Jesu zu gehen sind. Solche freien und souveränen Menschen braucht es. Am Ende des heutigen Evangeliums heißt es: „Niemand kann mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz – auf alles, was er hat – verzichtet! Das hier gebrauchte Wort „verzichtet“ oder „entsagt“, apotassw, meint, dass jemand alles, was er hat, an seinen richtigen Platz stellt, dahin, wohin es gehört. Und nichts gehört an den Platz, der Jesus gehört!

- Jesus sagt, wer nicht Sein Jünger sein kann: Nicht die Volkszugehörigkeit entscheidet, nicht der „Stallgeruch“, nicht einfach die vollzogene Taufe. Entscheidend ist die existentielle Ausrichtung auf Jesus. Radikal. Von der Wurzel her, von meiner Wurzel her. Das kann bedeuten, dass ich auch einmal alleine dastehe, ohne die Gemeinschaft, ja ggf. auch ohne die Gemeinschaft der Kirche. Nicht aus Protest, nicht aus Provokation – sondern weil ich mich gebunden weiß durch mein Gewissen. Oder wie es der englische Theologe und Kardinal John Henry Newman einmal formulierte: „Wenn ich … einen Toast auf die Religion ausbringen müsste, würde ich auf den Papst trinken. Aber zuerst auf das Gewissen. Dann erst auf den Papst!“ (Brief an den Herzog von Norfolk 1874)

Also: Dieses Wort Jesu an uns heute führt uns letztlich in eine große Freiheit. Und zu einer tiefen Bindung an Ihn – und ohne Bindung an Ihn ist wahre Freiheit nicht zu finden.

Der eine oder andere mag sich jetzt fragen, ob denn alle diesen Schritt der Entschiedenheit gehen können. Alle? Schauen wir uns doch um. Wir sind nicht „alle““! Wir sind – und nicht nur hier bei uns – eine Minderheit. Im Bild gesprochen: Ein wenig Salz, das den Sauerteig dieser Welt durchsäuern kann. Mit dem Geschmack Jesu. Dieses bisschen Salz: Wir können es sein. Das ist Frohe Botschaft. Amen.

 

Fürbitten

Herr Jesus Christus, Du bist der Weg, die Wahrheit und die Tür zum Leben, Du rufst uns in Deine Nachfolge. Wir bitten Dich:

- Wir Christen sind das Salz der Erde. Schenke uns den Mut, von der Freude Zeugnis zu geben, die nur die Freundschaft zu Dir schenken kann.

 (Du rechter Weg - wir bitten Dich, erhöre uns)

- Für alle, die nach Orientierung und Halt in ihrem Leben suchen, die nach Sinn Ausschau halten und immer wieder enttäuscht werden. Schenke ihnen die Begegnung mit Zeugen Deiner Freiheit.

(Du Gott der Freieit - wir bitten Dich, erhöre uns)

- Für alle, deren Leben durch Scheitern, Verlassen-sein, Krankheit und Versagen gemindert ist.

(Du Gott des Lebens - wir bitten Dich, erhöre uns)

- Für diejenigen, die uns verlassen haben, die wir liebten, die unser Leben begleiteten, für alle Opfer von Unglück und Terror.

(Du Tür zum Vater - wir bitten Dich, erhöre uns)

Du lebst mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Dir sei Dank, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

 

Pfarrer Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770