Gebt ihr ihnen zu essen – oder: Was bieten wir an?


- Gebt ihr ihnen zu essen – oder: Was bieten wir an?
Predigt von Pfr. Dr. Robert Nandkisore an Fronleichnam 2022 über Angebot und Nachfrage zum Download.
Die Texte des Fronleichnams des Lesejahres C der Lesungen (Gen 14, 18–20 und 1 Kor 11, 23–26) und das Evangelium (Lk 9, 11b–17) finden Sie online im Schott der Erzabtei Beuron oder auch bei Evangelium in Leichter Sprache.
Liebe Schwestern und Brüder,
von dem Satz des Evangeliums komme ich seit Tagen nicht los: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Jesu Auftrag an die Jünger. So begegnet ER der Not der Menschen. Er, der Heiland, der Wundertäter. Hätte ER nicht gleich sagen können: „Ich mach das, sorgt euch nicht!“? Alle drei synoptischen Evangelien (Mt, Mk, Lk) überliefern übereinstimmend diese Szene und den Aufruf Jesu an Seine Jünger. Der Evangelist Johannes erzählt es ein wenig anders, aber auch dort lässt ER erst einmal die Jünger überlegen, was denn jetzt zu tun sei.
Für mich heißt das: Wer mit Jesus unterwegs ist, der soll nicht verklärt auf Ihn schauen oder gar in den Himmel. Nein: Ein Jünger Jesu nimmt Seine Blickrichtung ein! Was ist Jesus wichtig?
Eine einfache Frage. Aber ist sie so leicht und schnell zu beantworten? Schauen wir auf den Text:
Es wird erzählt, wie die Menschen zusammenkommen. Sie suchen Jesus auf, sie möchten Ihn hören, sich von Ihm heilen lassen. Können wir diese Sehnsucht verstehen? Dann: Es wird spät – warum hat keiner darauf geachtet? Auch der Menschenmenge ist es wohl nicht bewusst gewesen. In der Nähe Jesu verlieren sie das Zeitgefühl. Die Jünger werden jetzt praktisch: „Schick sie weg!“ Also: Löse das Problem auf die für uns einfachste Weise! Die Haltung kenne ich, auch von mir. Ich bitte Jesus darum, mich zu entlasten, mich nicht kümmern zu müssen. Das funktioniert aber nicht: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Jesus muss wissen – und Er weiß es – dass das die Jünger aus ihrer eigenen Kraft nicht vermögen. Es kostet etwas, sich an die eigenen Grenzen führen zu lassen, zuzugeben: Das kann ich nicht! Auch das weiß ich aus der eigenen Erfahrung! Jesus ist kein Zauberer, kein Lückenbüßer und so fordert ER die Jünger auf, zumindest das zu tun, was ihnen möglich ist. Den Rest legt Er dann drauf! Das ist ein Wunder!
- Die Jünger: Sie bemerken das Offensichtliche. Sie sehen, was aktuell jetzt nötig ist: Die Menschen brauchen Essen. Das lässt mich fragen – und hier stelle ich die Frage natürlich auch mir: Was brauchen die Menschen?
Ich erlebe uns in der Kirche durch die Ereignisse der letzten Zeit – auch der letzten Tage – wie in einer Schockstarre. Die einen verlieren den Mut, verabschieden sich; andere erwarten und fordern Reformen, die im Blick auf die Kirche als Ganze unrealistisch sind; wiederum andere versuchen tapfer, am jeweiligen Ort das zu hüten und zu bewahren, was noch da ist und das doch so enttäuschend schnell in unseren Händen zerrinnt.
Was brauchen die Menschen? Jesus hat Seine Jünger aufgefordert, den Menschen keinen Zeitvertreib zu bieten, sondern etwas, wovon sie sich ernähren können! Die Jünger damals nahmen wahr, was den Menschen fehlte. Knüpfen wir da wieder an, werden wir wieder Kirche. Kirche heißt , die vom Herrn Herausgerufene. ER hat uns zu sich gerufen, damit wir nicht nur einfach bei Ihm sind, sondern um Seine Sorge zu teilen, um Ihm Möglichkeit zu geben, durch uns zu handeln.
Denn ER sieht es: Die Not und Verwirrung der Menschen durch Corona, die Verstörung durch den Krieg. Das Auseinanderfallen unserer Gesellschaft in immer kleinere Fragmente und den verzweifelten Schrei nach Anerkennung durch die Forderung nach Gleichheit. Sehen wir das auch? Teilen wir das nicht auch? „Herr, schick sie weg – sie sollen sich woanders etwas suchen!“ – ist das nicht auch unsere Situation?! „Gebt ihr ihnen zu essen!“ – aber wir haben doch gar nichts! Das stimmt doch nicht: Wir haben unser Menschsein, unser Mitfühlen. „Das reicht doch nicht!“ Stimmt! Das reicht nicht. Niemand hat gesagt, dass wir das Wunder vollbringen müssten. ER wird es tun, dann, wenn wir Ihn handeln lassen. Wenn wir Ihm erlauben, das zu vermehren, was wir Ihm hinlegen.
Dafür müssen wir aber, wie die Jünger damals, langsam begreifen, wer ER ist. Wie ER sich gerade hier und jetzt uns schenkt: Wie Er sich in uns hineinsenken will, um durch und mit uns Wunder zu wirken.
„Gebt ihr ihnen zu essen“ – beginnen wir wieder mit diesem uralten Auftrag. Dadurch wird Kirche gebaut und entwickelt. Durch Ihn und Seinen Geist.
Amen.
Herr Jesus Christus, mit Dir offenbaren wir unsere Not dem Vater und bitten:
- Eine große Volksmenge ist Dir nachgefolgt, um Dein Wort zu hören. Wir bitten für die Vielen, die auf der Suche nach Sinn sind, denen Orientierung fehlt, die nach einem Wort der Nähe dürsten. Lass uns ihnen in Deinem Namen das geben, was ihnen fehlt.
- Die Menschen damals hatten Hunger. Wir bitten Dich für die Vielen auf der Welt und auch hier bei uns, die nicht wissen, wie sie ihre tägliche Nahrung beschaffen können, die hungern nach menschlicher Nähe, die in einer ausweglosen Situation verzweifeln. Lass uns bereitwillig mit ihnen teilen.
- Deine Jünger nehmen die Not der Menschen wahr. Wir bitten Dich für die Vielen, die durch die Corona-Pandemie weiterhin tief verunsichert sind. Wir bitten für all die, die durch den Krieg in der Ukraine leiden und für die, die sich für den Frieden einsetzen. Lass alle Menschen guten Willens an der Linderung der Not zusammenwirken und schenke uns das Vertrauen in Deine Begleitung.
- Deine Jünger wussten nicht, wie sie helfen sollten. Schenke uns immer wieder den Mut und die Bereitschaft, unsere Grenzen zu erkennen und Dir anzuvertrauen so dass Du selbst durch uns handeln kannst.
- Wir vertrauen Dir unsere Kinder und unsere Sorge um eine behütete Kindheit an, und ebenso unsere Jugendlichen auf ihrer Suche nach ihrem Platz im Leben. Zeige Dich als DER, der trägt, führt und begleitet.
- Unsere Verstorbenen haben eine Lücke in unserem Leben hinterlassen. Zeige Dich ihnen als der, der ihren Hunger nach Leben stillt und lass auch die, an die keiner mehr denkt, bei Dir ewige Heimat finden.
Du bist Der, der uns zum Vater führen will, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Amen.
