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"Freiheit - oder: Das eigene Leben annehmen"

Predigt von Pfr. Robert Nandkisore am Gründonnerstag 2019
"Freiheit - oder: Das eigene Leben annehmen"
"Freiheit - oder: Das eigene Leben annehmen"
© pixabay

Liebe Schwestern und Brüder,

„es war vor dem Paschafest“ – dieser Satz ganz am Anfang des Evangeliums ist unbedingt mitzuhören, damit wir verstehen, worum es geht. Das Paschafest war das Fest zur Erinnerung an Befreiung, an die große Befreiung schlechthin, an die Befreiung von Knechtschaft und Fremdbestimmung. Erinnern – da geht es nicht um Nostalgie. Da geht es um präsent Machen, um Vergegenwärtigen, damit auch wir es heute, hier und jetzt, erfahren: die Befreiung. Befreiung jetzt. Darum geht es. Gehen wir dem nach.

- „Es war die Stunde gekommen, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen“. Oberflächlich gehört: Vom Diesseits zum Jenseits. Aber wie können wir Johannes nur so missverstehen? „Welt“ ist für Johannes nicht einfach das „Diesseits“. Mit „Welt“ beschreibt er den Entwurf eines Lebens ohne Gott. Dass die Menschen leben, als ob es Gott nicht gäbe. Das betrifft keineswegs nur die „anderen“ – das betrifft auch uns selbst, die Kirche, die Christen – unser Leben und das unserer Gemeinde zu organisieren, als ob es Gott nicht gäbe. Oft geschieht das aus Angst, aus Misstrauen.

Jesus steht vor einem Abschied. Bisheriges muss losgelassen werden. Und das macht immer Angst, ist unangenehm. Da ist es kein Zufall, dass Jesus in den Abschiedsreden die Jünger mit „meine Kinder“ anredet. Da will Er ihnen die Angst nehmen, Angst vor dem Neuen. Wie Eltern es mit Kindern tun. Da will Er sie in „Seine“ Welt führen.

- Dabei geschieht etwas Bemerkenswertes – etwas, das ich brauche, um anderen wie Jesus begegnen zu können: Jesus wäscht die Füße – wie eine Mutter ihrem Kind. Er gibt Seinen Jüngern, diesen so ganz unterschiedlichen Typen, das Gefühl der Unschuld zurück. Und Er zeigt ihnen, wer ER ist: ein Meister, der sich auf die Ebene begibt, auf der der andere steht. Nur so ereignet sich Verstehen!

Versteht ihr das? Habt ihr das begriffen? Ich habe euch ein Beispiel gegeben, ich will euch darin Vorbild sein. Wenn wir Ihm nachfolgen wollen – und dazu ruft ER uns auf, nicht zu einer Anbetung, die Gefahr läuft, selbstvergessen zu sein! – dann genau in dieser Haltung, in diesem Tun. Das ist nicht einfach. Deswegen schenkt Er sich selbst uns im Mahl, immer wieder: ER weiß um uns, um unseren Kleinglauben. Daher: Höre auf mich. Ich bin da. Bei dir.

- Wenn wir uns als Kirche und als Gemeinde neu unter dieses Vorbild Jesu stellen, kann Wunderbares geschehen. Wenn Jesus sich jedem von uns im Mahl schenkt, sich zu jedem niederbeugt, dann auch deswegen, damit wir neu beginnen, einander zu verstehen.

So kann Kirche ein Ort werden, wo Menschen dabei begleitet werden, den eigenen Standpunkt, ihr eigenes Leben an- und einzunehmen. So wird ein Mensch „rein“ – er wird so, wie Gott ihn gedacht, gemacht, ausgestattet hat. ER wird der, der er ist.

Was quälen wir uns und einander damit, nicht „anders“ sein zu dürfen! Ich habe bisher noch keinen Menschen kennengelernt, der sich anfangs darüber freute, „anders“ zu sein – das grenzt nämlich aus. Und das lassen wir einander auch spüren. Es geht aber auch nicht um falsch verstandene „Toleranz“, das alles doch eh gleichgültig sei. Nein, es ist nicht gleich-gültig. Es ist einmalig – jeder von uns! „Ich ertrage das alles“, sagt Paulus, das meint Toleranz – ich bemühe mich, den anderen zu verstehen. Den anderen, der wie ich einmalig ist.

Das ist Kirche Jesu, Gemeinde nach Seinem Bild. Im Sinne Jesu einander behilflich zu sein, das eigene Leben anzunehmen und umarmen zu können, dieses von Gott geschenkte Leben in Unschuld und Reinheit – das wäre ein gewaltiger Schritt in das Land der Freiheit.

Wir, drei Priester, werden gleich Füße waschen. Wir sind von unterschiedlicher Herkunft und Biographie, von Kultur und Prägung – und waschen eben solchen Menschen die Füße. Ein jeder mag sich gedanklich hierherversetzt fühle, um zu spüren, ja zu erfahren, was Gott schenkt und ermöglicht: Das eigene Leben zu umarmen um Ihm so nachzufolgen. In Freiheit.

Amen.

 

Fürbitten

Unser Herr Jesus Christus bietet uns die Fülle des Lebens und der Liebe an. Öffnen wir uns für das Opfer, das ER uns schenken will:

- Schenke allen Christen durch die Feier dieser Tage die Bereitschaft und die Kraft, weltweit Deine Botschaft zu verkünden: Dass Du jeden, gerade auch in seiner Gebrechlichkeit, annimmst, in Deine Freundschaft einlädst und heilen möchtest.

- Wir bitten Dich für alle, die an der Last des Lebens zu zerbrechen drohen; für die, die der Lebensmut verlassen hat; für die, die wir nur Deiner Sorge anvertrauen können; und für alle, die nicht glauben können, dass sie bei Dir willkommen sind.

- Wir bitten für die, die an diesem Osterfest durch die Taufe in Deine Kirche aufgenommen werden: Mache ihr ganzes Leben zu einem Zeichen dafür, dass Du die Menschen liebst.

- Für alle Priester Deiner Kirche, die am heutigen Tag das Geschenk Ihrer Berufung feiern: Lass sie in Dankbarkeit in Deinem Dienst treu bleiben.

- Wir bitten dich für unsere Verstorbenen, die wir schmerzlich vermissen und die, an die keiner mehr denkt: Vollende sie bei Dir und lass sie teilhaben an der ewigen Mahlgemeinschaft in Deinem Reich.

Allmächtiger Gott, in Deinem Sohn offenbarst Du Deine große Liebe zu uns. Dir sei Dank, der Du mit ihm und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

 

Pfarrer Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770