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"Ein Gott der Lebenden - oder: Die Frage nach unserer Hoffnung"

Predigt von Pfr. Nandkisore zum 32. Sonntag im Jahreskreis 2019 (10. November)
"Ein Gott der Lebenden - oder: Die Frage nach unserer Hoffnung"
"Ein Gott der Lebenden - oder: Die Frage nach unserer Hoffnung"
© Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,

unter dem Petersdom in Rom gibt es eine interessante Ausgrabung zu besichtigen: Einen antiken Friedhof. Über 70 Meter kann man unter der Kirche diese alte Totenstadt besuchen, die einen Zeitraum von 250 n. Chr. bis zur Zeit des Todes des Petrus umfasst. Es war einer der Friedhöfe der Millionenmetropole Rom: Unterschiedlichste Grabformen und Glaubensüberzeugungen sind zu sehen: Verehrer römischer und griechischer Gottheiten, ägyptische Einflüsse, persische und eben christliche. Kunterbunt wie es das Leben damals in Rom war. Christen zeichneten sich dabei nicht durch besondere Kunstfertigkeit oder Prachtbauten aus, sondern dadurch, wie sie unseren Glauben ausdrückten. Einmal wird verdeutlicht, wo die Verstorbenen sind und dann ebenso, was sie immer noch für uns bedeuten:

- Da ist in einer Gravur zu sehen, wie eine Frau am Brunnen Wasser schöpft: Die Verstorbene ist an einem Ort, den man sich besonders an einem heißen Sommertag ersehnt! An einem Ort der Erfrischung, des „frischen Wassers“ – das Jesus der Samariterin am Jakobsbrunnen verspricht. Oder: Ein Wort aus der Banksprache, „Depositum“, macht deutlich, dass das Grab eigentlich nur ein vorübergehendes Depot für einen Wertgegenstand ist, den Verstorbenen eben, bis der Besitzer, der „Herr“ dieses Menschen kommt, und ihn abholt, zu sich, heim.

An einigen wenigen Gräbern haben sich Besucher verewigt: „Bitte für uns“, steht da. In diesem Fall: Petrus! Die Besucher, die Hinterbliebenen, wissen den Toten nicht nur in guten Händen – darüber hinaus wissen sie, dass er ihnen – uns! – verbunden bleibt. Das ist ja der Kern der Heiligenverehrung, die an Allerheiligen im Zentrum stand, oder jetzt wieder an St. Martin und bald an St. Nikolaus: Unsere Verstorbenen sind nicht nur „angekommen“ – sie sind nicht „weg“, das ist ein erheblicher Unterschied! – sondern wir bleiben einander verbunden. Klar, wie könnten wir sonst von Liebe sprechen.

- Es war schön, dass in diesen Tagen bei den Gräbersegnungen auf unseren Friedhöfen wieder zu erleben: Unsere Toten sind nicht weg, sie sind angekommen und wir bleiben einander verbunden – der Name wird nicht ausgelöscht!

Aber wieder – wie früher in Rom – stehen wir Christen inmitten einer multireligiösen und pluralen Gesellschaft. Im Blick auf die Verstorbenen wurde mir das wieder deutlich, als ich in diesen Tagen in der Zeitung einen Artikel über einen Friedwald in unserer Nähe las: Diese Begräbnisform wird immer beliebter. Hauptgründe: Sie ist preiswert; es ist keine Grabpflege nötig, die man den Angehörigen ersparen möchte; man fühlt sich mit der Natur verbunden – obgleich sich Asche nie richtig mit der „Natur“ verbinden wird! Menschen möchten „verschwinden“, keine Spuren hinterlassen. Gedenkfeiern, Blumen, religiöse Zeichen – alles nicht möglich. Der Wald, sonst ein Ort eines entspannten Ein- und Ausatmens, der Erholung, des Sports, der Freude – er wird zum Ausdruck des Vergehens. Die Gräber sind nicht mehr zu finden, religiöse Zeichen als Markierungen verboten. Wer sich dafür aus Überzeugung entscheidet, mag das selbstverständlich tun. Im Blick auf so manchen Hinterbliebenen denke ich allerdings: Es ist ein Skandal, dass Menschen auf diese Form der Bestattung ausweichen müssen, weil das Behütetsein eines Friedhofs zu teuer ist! Hier müssen wir Christen tätig werden!

In der Geschichte der Menschheit sind Gräber, Grabstätten Zeichen von menschlicher Kultur. Unsere Friedhöfe dienen nicht einer ästhetischen Grabgestaltung, sondern dem Erinnern an einen Menschen, der nicht nur einfach hier unter uns gelebt hat, sondern auf seine Weise Zeuge der Gegenwart Gottes war – sein Todestag ist gleichzeitig Abschied und Ankunft, Geburtstag für den Himmel, der Beginn des endgültigen Bleibens. Im heutigen Tagesgebet habe ich gebetet: „Allmächtiger Gott, wir sind Dein Eigentum, Du hast uns in Deine Hand geschrieben“. Wer einmal in Tours in Frankreich am Grab des Hl. Martin war – oder an einem beliebigen anderen Grab eines Heiligen – der spürt, dass wir als Menschen in einer Kette stehen, die tief in die Vergangenheit führt und bis in den Himmel reicht!

Unser Glaube lebt davon, dass unsere Verstorbenen nicht verschwinden, sei es unter Bäumen oder durch das Verlöschen unserer Erinnerung. Sie sind angekommen. Ein größeres Glück kann ich ihnen nicht wünschen – oder für mich erhoffen! Amen.

 

Fürbitten

Gott, unseren Vater, der nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden ist, bitten wir voll Vertrauen:

- Für alle Christen: Stärke sie im Glauben an die Auferstehung und an das Leben, das Du jetzt schon jedem von uns anbietest.

(Gott, unser Vater – wir bitten Dich, erhöre uns)

- Wir bitten Dich um den Mut, so wie der Hl. Martin unser Leben so zu leben, dass andere Menschen erkennen und erfahren, wie nahe Du ihnen bist.

- Lass uns in unserer Gesellschaft daran mitwirken, dass gerade den Benachteiligten und Ausgegrenzten mit Solidarität begegnet wird.

- Wir bitten Dich für unser Bistum und unsere Gemeinden besonders in diesen Tagen der Pfarrgemeinderatswahlen: Lass uns alle mitbauen an einer Kirche, deren Zentrum Du selber bist.

- Wir bitten dich für alle Leidenden: Lass sie darauf vertrauen, dass Du ihnen nahe bist und stärke uns darin, sie dies auch erfahren zu lassen.

- Für unsere Verstorbenen: Lass sie erfahren, dass Du ein Gott der Lebenden bist.

Du bist ein treuer Gott. Dir sei Dank, der Du mit dem Sohn und dem Heiligen Geist lebst und herrschst in alle Ewigkeit. Amen.

Pfarrer Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770