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"Die verlorenen Brüder - oder: Die Einladung zum Lebensfest"

Predigt von Pfarrer Robert Nandkisore
"Die verlorenen Brüder - oder: Die Einladung zum Lebensfest"
"Die verlorenen Brüder - oder: Die Einladung zum Lebensfest"
© Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,

dieses Gleichnis gehört wohl zu den wunderbarsten Erzählungen des Evangeliums. Es lässt sich auf so viele Situationen anwenden und wirbt immer darum, dass wir unser Herz weiten. Mich interessiert: Wer waren die Adressaten? Worin bestand der Grundkonflikt, auf den sich das Gleichnis bezieht?

- Es geht um Zöllner und Sünder, mit denen Jesus feiert, und um Schriftgelehrte und Pharisäer, die sich deswegen ärgern. Das Gleichnis nimmt diese beiden Parteien auf: Der jüngere und der ältere Bruder. Um sie geht es.

- Zöllner und Sünder: Sie verlassen die „normale“ Ordnung. Sie tun Dinge, die sich nicht gehören. Unmoralisch. Gemein. Sie werden in das Bild des jüngeren Bruders gefasst. Im Kontext von damals: Da hatte ein jüngerer Sohn kaum Möglichkeiten. Ihm stand ein Teil des Erbes zu, aber den größten Teil bekam der Ältere. Dieser bestimmte. An ihm kam ein Jüngerer nie vorbei. Was ist das für ein Leben? Das immer Planbare, Vorhersagbare – alle Sicherheiten einmal fahren zu lassen ist ein Drang, der der Jugend zugeschrieben wird. Es ist der Lebensdrang, sich Platz zu schaffen. Den eigenen Platz. Um den Preis der Absonderung von den anderen – der „Sünde“!

Der Vater hat alles bereit gestellt für seinen Sohn, aber es reicht nicht, wenn es darum geht, das eigene Leben zu spüren. Der Vater weiß darum – seine Größe besteht im Gehenlassen! Selbst seine Trauer behält er für sich, um den Weg des Sohnes nicht zu belasten.

Es kommt, wie es kommt: Unerfahrenheit, Mutwillen, falsche Ratgeber und Freunde – „zügellos. Klar. Ob es das ist, was sein Bruder sich in seinen Phantasien ausmalt steht auf einem ganz anderen Blatt. Jesus aber wirft ein ganz entscheidendes Licht auf den Ausreißer: Der schwere Weg des Eingestehens des eigenen Versagens. Was muss passieren, damit jemand an diesen Punkt gelangt?! Wie steht jemand da – vor sich, den anderen? Anders herum: Wo verbirgt sich zwischen lautem Auftreten, angeblicher Unbußfertigkeit nicht die tiefe Scham und damit der Kampf um den letzen Rest der Würde?

Es wird dem Jungen klar: Er grollte nicht nur gegen seine Familie, er grollte auch gegen Gott, den „Himmel“ – der ihn in eine solche Situation stellte. Was er dann bei der Rückkehr zum Vater erlebte, gehört zum Ergreifendsten, was Jesus über Gott erzählt, den ER Seinen Vater nennt. Dessen Haltung ermöglicht es dem Jungen, den Platz zu finden, an den er gehört: Als geliebter Sohn und Teil der Familie.

- Schriftgelehrte und Pharisäer – sie tun das „Richtige“. Sie bewahren die Ordnung, sie fügen sich einem Größerem und ordnen sich dem unter. Sie werden im Bild als „älterer Bruder“ gefasst. Dem Älteren fällt alles zu, er hat zu bewahren. Nichts Eigenes. Das Eigene muss sich in den großen Rahmen einfügen. Der Ältere lebt Sicherheit – kann man sich da entfalten? Offensichtlich nicht, denn auch er kennt die Lebensfreude nicht. Er ging in die innere Emigration, auch er verlässt den Vater.

Das Fest, das der Vater mit dem Jüngeren feiern will, es ist nicht komplett, wenn der Ältere fehlt. Wen es keine Versöhnung der beiden gibt. Ob es geschieht? Die Geschichte bleibt offen!

- Die Sünder und Zöllner, die Grenzgänger und Ausbrecher – sie fehlen bei uns. Hier. Immer schon. Sie fehlen in der Gemeinde, in der Kirche. Es ist alles festgelegt, strukturiert – wo soll da das Eigene Platz haben? Aber jetzt sind wir in einer völlig neuen Situation: Jetzt verlassen uns auch die „älteren Brüder und Schwestern“, die, die sich dem Ganzen unterordnen wollten, die das Größere sahen. Aber mittlerweile fühlen auch sie ich betrogen – um die Möglichkeit des Lebens!

Was ist zu tun? Türen aufreißen? Alles anders machen? Aufgeben, was bisher galt?

Ich persönlich meine, wir – die, die wir noch da sind – sollten uns Gedanken darüber machen, welches Leben uns der Gott Jesus Christi hier und jetzt gönnt. Wir sollten – wir dürfen! – die Lebensfreude neu entdecken, zu der wir durch unsere Geburt eingeladen sind und die doch viel zu selten durchscheint! Eine Freude, die dem Platz bietet, der sein Leben neu deuten will, und in der Scham über Vergeudetes in den Arme des Vaters Annahme findet. Eine Freude, die den aufbricht, der sein Leben bisher nur als Pflicht ansah.

Eine Lebensfreude, von der jüngere und ältere Bruder gar nicht mehr ahnten, dass sie in der Gemeinschaft mit Jesus zu finden ist.

Das Evangelium erfüllt mich mit Sehnsucht – nach einem Fest, das wir schon so lange nicht mehr gefeiert haben.

Amen.

 

Fürbitten

Gott, den barmherzigen Vater, der uns täglich zeigen möchte, wie sehr Er uns liebt, bitten wir:

- Schenke den Menschen, die sich von Dir abgewendet haben, die Erfahrung, dass sie nur bei Dir wahre Lebensfreude finden.

(Gott, unser Vater – Wir bitten Dich, erhöre uns)

- Rate den Vätern und Müttern, die sich um ihre Kinder sorgen und die nicht wissen, wie sie ihnen helfen können.

- Lass uns an einer Kirche und einer Gesellschaft mitarbeiten, in der nicht vorschnell über den Lebensweg anderer geurteilt wird.

- Stelle denen, die im Leben gescheitert sind, Menschen an die Seite, die ihren Lebensmut neu entfachen und das Vertrauen in Dich stärken können.

- Nimm diejenigen, deren Lebensweg zu Ende gegangen ist, in Deinem Hause auf. (Wir bitten Dich für … und alle Verstorbenen, deren Glauben Du allein kennst).

Denn Du bist der liebende Gott, der mit dem Sohn und dem Heiligen Geist lebt und für uns da ist, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

 

Pfarrer Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770