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"Die Provokation Jesus – oder: Großzügig sein"

Pfr. Nandkisore zum 25. Sonntag im Jahreskreis 2019 (22. September)
"Die Provokation Jesus – oder: Großzügig sein"
"Die Provokation Jesus – oder: Großzügig sein"
© Martin Manigatterer in pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,

es passiert nicht oft, dass ich in der Vorbereitung auf den Sonntag, in der Auseinandersetzung mit dem Evangelium, ein Unbehagen spüre. Ja, auch die Versuchung, dem Wort Gottes, das uns im Evangelium entgegentritt, auszuweichen! Damit wird mir wieder neu klar: Jesus ist nicht „gefällig“, nicht „nett“! Er provoziert. Er stößt vor den Kopf und wird so immer wieder als Störer empfunden!

- Am letzten Sonntag staunten wir über die unfassbare Sehnsucht Gottes nach dem Menschen, nach jedem von uns: Die Erzählung vom verlorenen Schaf, der verlorenen Drachme, dem verlorenen Sohn machen deutlich, wie sehr ich Gott am Herzen liege. Dass Seine Annahme und Vergebung mein eigenes Schuldempfinden überspült. Wenn ich das begriffen habe – und das meint nicht nur den Verstand! – dann blicke ich mit den Augen Jesu auf alle, die zu diesen Verlorenen zählen. Das kann mitunter auch etwas kosten – wie die Seligsprechung von Pater Richard Henkes vor einer Woche deutlich machte: „Einer muss da sein, es zu sagen“ – es, die Frohe Botschaft. Das brachte ihn nach Dachau!

- Jesus führt Seine Jünger weiter: Ein Gleichnis und eine Aussage über das Geld verdeutlichen das. Es schließt gleich an die Erzählung vom Verlorenen Sohn an: Der kluge Verwalter – oder ist er ein betrügerischer? – wird von Jesus gelobt. Was will ER da sagen? Jesus baut Seine Gedanken nahtlos weiter und knüpft an das Vorherige an: Wenn du Gott wertvoll bist, als der, der du bist – ja, mit deinen Fehlern, Schwächen, auch mit deiner Schuld – dann lerne du deinerseits, auch deine Mitmenschen so zu sehen. Wie du haben auch sie Schwächen und Fehler, werden schuldig, vielleicht sogar an dir und sie sind dir unsympathisch – nagle sie darauf nicht fest! Das bedeutet nicht, dass es moralisch kein richtig und falsch gäbe – des tut es! – es bedeutet aber, dass du in ihm und ihr den Menschen sehen sollst.

Wie blicken wir auf den anderen – gerade im Hinblick auf seine Schwächen? Jesus spricht an vielen Stellen des Evangelium davon: Wem viel vergeben wurde der wird auch selbst vergeben. Also: Lass dich von Gott umarmen als der, der du bist und dann: Los! Mach weiter! Verbreite diesen Geist, diese Haltung. Sieh den anderen nicht als Schuldner. Unser Denken, Reden und Handeln würde in dieser Spur Jesu anders werden. Spürbar anders.

- Und es ist diese Spur, die Jesus weiter verfolgt – und es wird unbehaglicher, denn: Beim Geld hört die Freundschaft auf!

Die Kirche ist beim Umgang mit Geld und Macht selten in der Spur Jesu geblieben. Dennoch steht und bleibt Sein Wort da und wir müssen uns damit auseinandersetzen. Jesus ruft uns zu: Seid großzügig – baut mit an der Welt, wie Gott sie sich wünscht; schafft die Werte, die Jesus wichtig sind. Und das hat damit zu tun, was wir in unserem alltäglichen Tun in den Mittelpunkt stellen, was uns „normal“ und „richtig“ erscheint. Was sind unsere Themen? Steigende Mieten – auch hier in Eltville – können sich immer weniger Familien leisten. Ist das normal und richtig? Es ist menschengemacht! Immer mehr Rentner, so die Nachricht vor einigen Tagen, die sich an den Tafeln versorgen müssen. Ist das normal und richtig? Es ist menschengemacht. Kinder von Alleinerziehenden leiden oft unter Armut. Ist das normal und richtig? Es ist menschengemacht. Im globalen Maßstab geht das weiter. Wir meinen, dass sei die Logik der Wirtschaft. Jesus nennt das Dienst am Mammon.

Ja, Christentum ist politisch und parteiisch. Und ich spüre wieder neu, wie das unangenehm ist. Im Evangelium folgt, wie die Pharisäer, die diese Worte Jesu hören, über ihn lachen, denn – so Lukas – sie hingen am Geld! Jesus hat doch keine Ahnung, wie diese Welt funktioniert…

Ein Christentum, das sich in Spiritualität erschöpft, ist nicht nur müde, es wird kaum jemanden mehr ansprechen. Kirchenentwicklung muss das im Blick haben – in der Spur Jesu das Evangelium lesen und es aushalten, damit gegen den Strom zu schwimmen. Gegen den Strom hin zur Quelle, zum sauberen Wasser, Seinem Wort, das auch heute so erfrischend befreien will.

Amen.

 

Fürbitten

Jesus Christus will uns zum Leben befreien. Ihn bitten wir:

- Wir bitten Dich für Deine Kirche, für unsere Gemeinde: Hilf uns, mehr an Dir Maß zu nehmen und so der Welt ein Zeugnis zu geben, das überzeugt und befreit.

 (Christus, höre uns – Christus, erhöre uns)

- Wir bitten dich für unsere Kinder und Jugendlichen, dass wir ihnen helfen, in unsere Welt voller Angebote und Verlockungen Dich zu finden.

-  Für die, die auch in unserem Land materiell arm sind, die am Rande der Gesellschaft stehen und denen unsere Caritas-Kollekte gilt: Lass sie auch durch uns wirksame Zeichen der Solidarität erfahren.

- Wir bitten dich für alle Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen und nicht wissen, wie sie ihnen helfen sollen. Lass sie Deine machtvolle Vorsehung erfahren.

- Führe unsere Verstorbenen in das Reich des Lebens, das Du uns allen verheißt.

Dir, dem allmächtigen Vater, sei Dank, mit dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

Pfarrer Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770