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Das Wort im Fleisch - oder: Was bleibt von Weihnachten

Predigt von Pfr. Nandkisore am 2. Sonntag nach Weihnachten 2020 (05.01.)
Das Wort im Fleisch - oder: Was bleibt von Weihnachten
Das Wort im Fleisch - oder: Was bleibt von Weihnachten
© Friedbert Simon in pfarrbriefservice.de

Liebe Schwestern und Brüder,

was bleibt von Weihnachten? Die Erinnerung an ein Familienfest, festliche Tage, gutes Essen? Der Rest wird nun weggepackt, entsorgt, abgeschmückt. So sieht es – rund um uns herum. Der Alltag greift nach uns, nur die Schüler sind durch die „Hessenwoche“ davon noch befreit. Es ist ein wenig eigenartig, dass die Liturgie uns in dieser Situation noch einmal das Festevangelium des Weihnachtstages vorstellt: „Im Anfang war das Wort … und das Wort ist Fleisch geworden“: Rechnet sie damit, dass wir vor lauter Lichterzauber am Weihnachtsfest vorbei gegangen sind?

- In einem Weihnachtslied heißt es: „Süßer Immanuel, wird auch in mir nun geboren“ (GL 251,7). Das bringt’s auf den Punkt: Wer sich an Weihnachten in die Erinnerung an Betlehem verliert, geht am Fest vorbei! Wer den Ort der Gottgeburt einzig in Betlehem sucht, übersieht etwas ganz Wesentliches: Sich selbst! Mich – als Ort der Gottgeburt! Darum geht es in der Konsequenz: Gott schlüpft in unsere Haut – ER schlüpft in meine und will Wurzeln schlagen, wachsen und heranreifen. Darum geht es an Weihnachten. Unglaublich!

Ja, das ist unglaublich: Wir Christen glauben nicht nur an einen guten Grund der Welt – das meint das Wort „im Anfang“ sowohl im Griechischen als auch im Hebräischen – sondern auch daran, das alles, was geschaffen ist, von diesem Grund, dem „Wort“, herkommt. „Ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ – dieses Wort steht auch an meinem Anfang und will durch mich, durch uns strahlen. Das ist Weihnachten!

- Das Dilemma wird schon ganz zu Anfang benannt: „Das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst“. Es ist das Dilemma, dass wir Menschen sehr oft ganz genau wissen, was gut und richtig ist, es aber nicht tun! Die Gründe dafür sind vielschichtig, doch meistens haben sie mit Angst zu tun: Angst vor Verlust, Angst vor Veränderung, Angst davor, etwas loslassen zu müssen und nicht zu wissen, was wir stattdessen erhalten. Die Schrift nennt diesen Zustand „Finsternis“, meint damit die Haltung der „Absonderung“, der Sünde, des Nicht-vertrauen-Wollens.

Das Kind in der Krippe mag uns verzaubern, anrühren, in sentimentale Stimmung versetzen. Ob wir uns aber auf dieses Kind, auf diese Botschaft einlassen, ist etwas völlig anderes!

- Wen wir es aber tun – was wird dann alles möglich! Mit den Worten des Evangeliums: dann kommt Licht; dann werden Menschen Kinder Gottes; dann sehen wir Gottes Herrlichkeit.

Wenn ich den Alltag, die Menschen in Gottes Licht sehe, dann kann ich dahinter keinen Zufall mehr erkennen, sondern Gottes Vorsehung. Dann leuchtet mir auch in Finsternissen, die es auch in diesem Jahr sicher weder geben wird, das Licht des Vertrauens, dass ER, Gott, mich gut führt – denn Er liebt mich! Wenn ich, wenn wir das doch endlich begreifen würden – was könnte dadurch alles anders werden! Unser Verzagen, unser Jammern – es würde aufruhen auf einem Untergrund des Sich-getragen-Wissens! Schauen wir diese Bereiche einmal in Ruhe an: Im persönlichen Leben, in der Arbeitswelt, in der Veränderung, in der wir in der Kirche, hier als Gemeinde stehen. „Früher war alles besser!“ – wann beginnt es, dass ein junger Mensch, der gegen diesen Satz und diese Haltung rebelliert, ihn übernimmt und ängstlich wird? Umgangssprachlich heißt das „spießig“!

Wenn wir uns auf Weihnachten einlassen, dann werden wir „Kinder Gottes“: Wenn wir Gott in uns – wie es da eingangs zitierte Lied sagt – in uns groß werden lassen, liebt Gott in uns sich selbst, dann liebt ER sich selbst in mir! Dann bin ich Gottesträger!

Darum geht es schließlich: Dass Menschen die Größe, die Herrlichkeit, die Gegenwart Gottes wieder erfahren und wahrnehmen. Dazu sind wir gerufen. Gerade auch als Kirche – bedeutet diese Wort doch kyriakh, zum Herrn gehören, oder ekklesia, Herausgerufene! Beten wir auch darum, dass der nun bald beginnende „Synodale Weg“ in unserer deutschen Kirche genau das zum Leuchten bringt: Dass Gottes Größe wieder neu gesehen wird!

Wenn wir dies neu beherzigen – dann bleibt viel von Weihnachten.

Amen.

 

Fürbitten

Christus, das Ewige Wort des Vaters, das Fleisch geworden ist, bitten wir:

- Für alle, die unter dem Fehlen menschlicher Worte und ihrer Einsamkeit leiden, die nicht spüren, geliebt zu sein.

Du Wort der Liebe – wir bitten Dich, erhöre uns

- Für diejenigen, die den großen Worten unseres Lebens nicht mehr glauben können, deren Liebe zerbrochen, Hoffnungen enttäuscht und Perspektiven zerstört sind.

Du Wort der Nähe -

- Für diejenigen, die unter Gerede und Verleumdung zu leiden haben, deren Würde mit Füßen getreten wird.

Du Wort der Wahrheit -

- Für die Menschen, die durch Krankheit verängstigt, durch eine Trennung entmutigt, durch Konflikte verletzt sind.

Du Wort der Hoffnung -

Für diejenigen, deren Leben zu Ende geht, die gestorben sind und in unserem Leben eine Leere zurücklassen.

Du Wort des Lebens -

Denn Dein Wort hält, was es verspricht, Dein Sohn Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen.

Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770