Kategorien &
Plattformen

Das Gebet Jesu - oder: einander Gott anvertrauen

Predigt von Pfr. Nandkisore am 7. Sonntag der Osterzeit 2020 (24.05.)
Das Gebet Jesu - oder: einander Gott anvertrauen
Das Gebet Jesu - oder: einander Gott anvertrauen
© pixabay.com
  • Evangelium

  • Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,

was uns der Evangelist Johannes hier überliefert ist eine Beschreibung Jesu aus dem innersten Kreis derjenigen heraus, die Ihn erlebt haben, die mit Ihm zusammen waren, die Ihn wirklich kennenlernen durften. Denn wenn ich das Gebet eines anderen beschreibe, davon erzähle, berichte ich vom Intimsten, was es über ihn zu berichten gibt. Ja, wenn wir Jesus wirklich verstehen wollen, müssen wir uns anschauen, wie ER betet.

- Das Erste und Entscheidende: Jesus lebt aus der Nähe zum Vater! Und diesem Vater vertraut ER die Jünger, vertraut Er uns an. Dieses „Vater“-Sprechen ist uns von klein auf bekannt und vertraut und so merken wir oft gar nicht mehr, welch einen Unterschied es macht, „Vater“ denken und sagen zu können oder nicht! Ohne diesen Vater, ohne dieses alles tragende Du stünden wir alle einem blinden Kosmos gegenüber, der willkürlich verteilt, gibt und nimmt. Ohne diesen „Vater“ macht diese Welt Angst und in diesen Wochen erleben wir hautnah, wie diese Angst Menschen gefangen hält. Ja, auch Menschen, die sich als gläubig bezeichneten, entdecken, wie dünn das Eis des Glaubens ist, auf dem sie stehen. Dem „Vater“ vertrauen, wie es Jesus vorgelebt hat, ist Ansporn und Vorbild. Gerade jetzt, in dieser Zeit.

- Jesus bittet, dass wir an Seinen Namen glauben mögen, dass wir in der Lage sind, daraus zu leben. Dabei geht es nicht einfach um ein formales Glaubensbekenntnis. An den „Namen“ glauben: Sein Name ist „Gott mit uns“. Das ist eine Realität für den, der sich darauf einlassen will und kann. Damit ändert sich alles: ich vertraue darauf, dass Gott in all dem scheinbar Zufälligen und Widersprüchlichen mit uns, mit mir ist. Dass ich nicht nur ein Gegenüber – Vater – habe, sondern jemanden, der mit mir unterwegs ist. Hier und jetzt. In der Situation, die ich lebe, an der ich leide, die mich mit Fragen und Zweifeln erfüllt. Und dass der, der mit mir ist, an mir festhält, gerade dann, wenn nichts mehr hält, auch und gerade im Tod! Wenn ich das glauben darf – und dieser Glaube befähigt mich zu einem Leben aus dem Vertrauen, zu einem Leben im Einsatz für andere, zu einem Leben, das andere ahnen lässt, dass auch sie in Gott geborgen sind – lebe ich anders. Freier.

- Jesus betet bittend für uns. Das ist keine Nebensache! Wenn ich für einen anderen bete, dann wünsche ich ihm, dass er in Gott zu seiner Wahrheit findet. Jesus bittet den Vater, dass jeder von uns gezeigt bekommen möge, wie einzigartig und wertvoll er ist. Das hat Er während Seines irdischen Lebens immer zu zeigen, zu leben versucht. Daher haben die Menschen in Seiner Nähe neue Hoffnung geschöpft, konnten aufatmen, neue Wege beschreiten, sich heilen lassen.

Wenn wir neu lernen, füreinander zu beten, so, wie Jesus das getan hat, bedeutet das: dass der Wille des Vaters sich in ihm und ihr erfüllen möge, dass der andere mehr und mehr zu dem werden möge, wie er gedacht, gemeint ist; wie er zu einem einmaligen und wunderbaren Geschenk an diese Welt werden kann.

Jesus bittet darum, dass wir vor der Welt bewahrt würden. ER bittet darum, dass wir davon verschont bleiben, in die Verzweiflung und Sinnlosigkeit zurückzufallen, die ein Leben mit sich bringen, das vom Vater nichts weiß. Machen wir die Augen auf und wir erkennen gerade in diesen Wochen, wie real diese Gefahr ist!

Wir Christen haben einen besonderen Heilsdienst in dieser Welt: einander davor zu bewahren, aus dem Vertrauen herauszufallen. Die Menschen um uns herum wahrzunehmen und sie ins Gebet zu nehmen.

Oft hörte ich die Klage darüber, dass wir in unseren Gemeinden so wenige seien oder immer weniger würden. Sehen wir doch stattdessen, wie viele wir durch unser Gebet hier hineinnehmen können. Unser Heilsdienst an der Welt ist etwas enorm Wichtiges und ich kann von mir sagen, dass ich genau dies in den letzten Monaten neu und vertieft entdeckt habe.

Ja, ich glaube, dass wir in einen neuen Dienst für diese Welt eintreten. Oder mit einem Bild: Als Papst Franziskus in der Fastenzeit eine Andacht auf dem Petersplatz hielt und den Segen „Urbi et orbi“ sprach, war der Platz einerseits leer – und gleichzeitig voller als jemals zuvor.

Das Gebet Jesu kann uns zeigen, worauf es ankommt, gerade jetzt!

Amen.

Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770