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10 Jungfrauen – oder: vom Ernst, zu spät zu kommen

Predigt von Pfr. Nandkisore am 32. Sonntag im Jahreskreis 2020 (08.11.)
10 Jungfrauen – oder: vom Ernst, zu spät zu kommen
10 Jungfrauen – oder: vom Ernst, zu spät zu kommen
Darstellung der törichten Jungfrauen am Erfurter Dom. © Peter Weidemann in pfarrbriefservice.de
  • Evangelium

  • Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,

bis heute gehört wohl das Gleichnis von den 10 Jungfrauen zu den bekanntesten des Evangeliums. Im Mittelalter wurde es als Mahnung an vielen Westportalen – also Eingangstüren – von Kathedralen angebracht: in Erfurt, Reims, Amiens, Notre Dame von Paris, Straßburg … . Wachsam sollen sie sein, denn der Bräutigam kommt irgendwann – so endet das Gleichnis. Aber tiefer betrachtet geht es nicht so sehr um ein Wachsein gegenüber der Zukunft – schließlich schlafen alle 10 Jungfrauen des Gleichnisses! – sondern tatsächlich um „Klugheit und Dummheit“. Es geht nicht um ein wachsames Warten auf einen sich verspätenden Christus – „wann kommst du denn endlich?“ – sondern um die beunruhigende Möglichkeit, dass es jetzt ein „zu spät“ geben könnte!

- Zu spät: ich habe die Möglichkeit nicht ergriffen! Ich habe die Chance vertan! Ich habe die Gelegenheit verpasst! Wie dumm!

Positiv heißt das: Mein Leben ist kein Wartesaal! Im Gegenteil: Mein Leben ist „Jetzt“, hier! Es entscheidet sich Entscheidendes jetzt und hier. Hoffentlich kann ich klug darauf achten.

Verdeutlichen wir es in einem Bild: In diesen Tagen feiern wir wieder den Heiligen Martin. Viele Bräuche, Traditionen fallen pandemiebedingt aus. Schade – klar! Vor allem für die Kinder. Aber: gibt das nicht auch die Möglichkeit, wieder neu auf den „wahren“ Martin zu schauen?! Während Erwachsene ja eher auf die Martinsgans scharf sind, ist für Kinder die Episode des Mantelteilens wichtig. Und beides hat ursprünglich mit Wachsamkeit im Sinne von „Jetzt“ zu tun:

Martin war als junger Mann in einem Augenblick des Mitgefühls zu einer Geste fähig, die sein ganzes späteres Leben bestimmte, denn er begegnete damit Christus selbst, dem er von da an dienen wollte. Hätte er diesen Augenblick verpasst, sein Leben wäre anders verlaufe, Martin wäre nicht „Martin“ geworden! Und solche Augenblicke gibt es immer wieder im Leben: die Gänse der Martinslegende haben ihn ja sozusagen „verpfiffen“! Als er sich versteckte, da er nicht zum Bischof gewählt werden wollte, konnten ihn durch das Geschnatter der Gänse die Menschen so finden. Natürlich: er hätte auch weiterhin „nein“ sagen können, aber er tat es nicht. Und so wurde Martin noch mehr „Martin“, Bischof Martin. Das hat mit Klugheit im Sinne des Evangeliums zu tun.

- Das heutige Evangelium macht uns darauf aufmerksam, nicht immer alles auf „später“ zu verlegen und das Jetzt als das zu begreifen, was es ist: als entscheidend!

Wir leben nun alle ohne Ansehen der Person unter den Bedingungen der Pandemie. Wir hoffen auf ein „Später“, auf ein „Danach“ und wissen doch auch nicht, wann das sein wird – ja manche von uns werden es möglicherweise gar nicht mehr erleben, dieses „Danach“!

Ich selbst nehme viel Angst wahr, Unsicherheit: wie kann ich mich und andere schützen, was ist sinnvoll, was ist übertrieben? Was würde passieren, wenn wir diese Energie in die Aufmerksamkeit darauf stecken würden, was Gottes Geist jetzt mir und uns als Gemeinschaft zeigen will? Klug sein also: worauf kommt es jetzt an? Erkennen wir – um im Bild zu bleiben – den Bettler, dem wir jetzt und nur jetzt einen Teil unseres Mantels gebe könnten und gerade darin Christus begegnen? Wo schreien die Gänse, um mich jetzt eine Entscheidung treffen zu lassen, die jetzt getroffen werden muss – und sie ist auch getroffen, wenn ich sie nicht treffe? Und diese Entscheidung verändert mein Leben – eben auch die Entscheidung, die ich nicht treffe!

- Wir leben in einer Zeit des Lockdown – das heißt aber doch nicht, dass unser Leben ab- oder eingeschlossen wäre. Es findet statt! Jetzt, heute!

Vielleicht ist gerade diese Zeit eine besondere, um Entscheidungen zu treffen, Veränderungen einzuleiten, Vorhaben anzugehen.

Die Pandemie-Zeit offenbarte bisher, dass Religiös-Sein kein Massenphänomen mehr ist: Religion als Haltung des Festgemachtseins, des Halt-Habens, des Sich-getragen-Wissens. Wir entdecken verblüfft: Katholisch sein heißt nicht automatisch, auf Gott zu vertrauen, mein Leben in Seiner Hand geborgen zu wissen!

Warum nicht: jetzt die Zeit zu nutzen, um Seile wieder fester zu spannen, Haltegriffe wieder zu befestigen!

Jetzt kann so viel Entscheidendes für uns passieren – gerade weil Pandemie-Zeit ist. Verpassen wir es nicht: ER steht vor der Tür, ER kommt. Hoffentlich haben wir genug Öl in unseren Gefäßen, sind wir klug genug. Amen.

 

Fürbitten

Unser Herr Jesus Christus, der uns heute zur Begegnung mit Ihm ruft, bitten wir:

- Lass Deine Kirche und unsere Gemeinde nicht müde werden, die Zeichen Deiner Gegenwart gerade in dieser Zeit in unserer Welt zu suchen und sich so immer wieder überraschen zu lassen.

(Christus, höre uns – Christus, erhöre uns)

- Wir bitten Dich für unser Bistum: Lass besonders die, die ein Amt der Leitung ausüben, Maß nehmen am Leben des Hl. Martin.

- Hilf uns und allen Getauften, die Freundschaft zu Dir jeden Tag zu erneuern und zu vertiefen und so in Glauben und Vertrauen zu wachsen.

- Hilf denen, die in der Dunkelheit und Routine ihres Alltags die Lebensfreude verlieren und keine Ahnung mehr davon haben, dass der Vater sie zu Großem erschaffen hat.

- Lass die Jugendlichen unserer Gemeinde, die in diesen Tagen gefirmt wurden, den Weg des Glaubens froh und entschieden gehen und so ein Segen für die Welt werden.

- Lass unsere Verstorbenen bei dem Fest anwesend sein, dessen Gastgeber Du selber bist.

Herr, wachsam und bereit lass uns Deine Ankunft jeden Tag erwarten, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und uns liebst in alle Ewigkeit. Amen.

© Peter Weidemann in pfarrbriefservice.deDarstellung der törichten Jungfrauen am Erfurter Dom.
Dr. Robert Nandkisore
Pfarrer
Kirchgasse 165343Eltville
Tel.:06123 703770

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